Charakterentwicklung

Derzeit brüte ich an den ersten Ideen zu meinem nächsten Roman und besonders über den Charakteren.
Näher spezifiziert: Ich suche nach dem Antagonisten.

Nachdem mir auffiel, dass ein Kartenspiel – die erste heruntergeschriebene Szene, sozusagen eine erste Kontaktaufnahme mit der Bevölkerung des Romans – sich hervorragend für die Einführung der Figuren, ihrer Befindlichkeiten und ihres Verhältnisses zueinander eignet, suchte mich vorgestern beim abendlichen Zähneputzen der Anfang aus der Sicht des Antagonisten heim, und ich kritzelte ihn noch schnell auf ein gefaltetes A4-Blatt (ich habe eine extra Schublade für einseitig bedrucktes Papier und gehöre zu den Menschen, die solche aufgebrauchten Halbdrucksachen auch aus fremden Büros mit nach Hause schleppen, bevor sie dort im Papierkorb landen. Wenn ich die untersten Blätter umdrehe, erinnern sie mich an Zeiten, die inzwischen Jahre zurückliegen …).

Gerade eben habe ich den Satz in die entsprechende Szene getippt, und mir fiel wie Schuppen aus den Haaren ein Rat aus einem Schreibratgeber ein, den ich schon während des Lesens lästig und überflüssig fand: dass man nämlich seine Figuren, um sie zu »finden«, in allen möglichen Situationen schildern sollte, um ein Gefühl für den Charakter zu bekommen. Morgens nach dem Aufstehen zum Beispiel. Oder sonst wie im Alltag.

Der Rat stammt aus einem Buch von Otto Kruse: »Kunst und Technik des Erzählens: wie Sie das Leben zur Sprache bringen können«.
Ein schreckliches Buch. So, wie der Titel klingt, ist es auch, getreu dem Motto: »Schreiben Sie ruhig Belletristik, wenn Sie es nicht lassen können – aber wehe, Sie lächeln dabei.«

Otto Kruses guter Rat schaffte es jedenfalls, meine Protagonisten in unendlich weite Ferne zu rücken. Es hat mich keinen Deut interessiert, wie sie ihren Kaffee trinken, ob sie sich zum Anziehen der Hosen auf die Bettkante setzen oder auf einem Bein herumhüpfen, was sie über das Wetter meinen und ob sie ihre Nachbarn mögen.
Was, wie ich inzwischen weiß, der Tatsache geschuldet war, dass ich keine Geschichte hatte, für die ich mich wirklich interessierte. Ich hatte nur den Anfang irgendeiner Idee, die ich sowieso blöd fand, weil mir nicht einfallen wollte, was daraus werden soll.

Aber zurück zum Zahnpastasatz.
Der Name meines Antagonisten ist Fitzman, und er ist nicht wirklich böse. Was er allerdings ist, das weiß ich noch nicht so genau. Ich habe bisher keinen stimmigen Grund dafür gefunden, warum er mit allen überkreuz liegt, und was ihn schließlich dazu bringt, für seine Rache sogar sein Leben opfern zu wollen.

Also setze ich ihn mit den Karten in der Hand an den Tisch, und dann werde ich mal schauen, was Fitzman so zu seiner Umgebung und zu den Leuten zu sagen hat.
Mit anderen Worten: Ich tue das, was Kruse empfiehlt, nur nicht irgendwo im luftleeren Raum, sondern in der Geschichte – dem einzigen Ort, wo Fitzman eine Existenzberechtigung hat.

Was mich zu dem Schluss bringt: Ich brauche keinen Ratgeber, der mir das Hirn mit Dingen vollstopft, die ich sowieso nicht kapiere, bevor ich nicht in der Materie drinstecke – und bin ich erst mal drin, ergibt sich alles von selbst. Weg mit dem Kruse und seiner abturnenden Sprache! Weg mit allen Ratgebern!

Nun ja … um bei der Wahrheit zu bleiben, brauche ich ab und zu natürlich doch einen Rat. Einen zündenden Funken. Seit Kruse bevorzuge ich dafür Amerikaner, näher spezifiziert: Sol Stein. Der ist zwar nicht neu, aber was das Schreiben als solches angeht (also minus »Wie veröffentliche ich ein Ebook, was macht welcher Distributor und welche Marketingmaßnahmen sollte ich ergreifen?«), für mich immer noch und immer wieder eine Inspirationsquelle.

Vor allem ist er das wegen seines Tons. Das hört sich – im Gegensatz zu Kruse – nicht so an wie »Wenn du 10 Jahre lang trockengeschwommen bist, kannst du vielleicht daran denken, eine erste Novelle zu schreiben«, sondern da sagt mir jemand: »Mach! Schreiben ist toll! Schau dir an, was es für fantastische Sätze gibt, und dann versuch’ es selbst!«

In diesem Sinne: Ein guter Schreibratgeber ist wie das Gespräch mit einem vertrauenswürdigen Kollegen (vorausgesetzt, das Buch ist nicht von Otto Kruse).
🙂

6 Gedanken zu „Charakterentwicklung

  1. Sol Stein liegt gerade auf meinem Nachttisch und wartet darauf, gelesen zu werden. Habe schon ein paar Ratgeber gelesen und bin sehr gespannt, was ich da noch neues lernen werde (irgendwas ist ja immer neu).
    Was die Überlegungen zu den Charas betrifft: Am Anfang war ich damit auch völlig überfordert, mir zu solch alltäglichen Dingen Gedanken zu machen. Ich stand da und dachte mir: Was weiß ich, wie die Morgenroutine meines Protas aussieht! Aber mit der Zeit habe ich mir ein Bild gemacht. Die Fragen haben nachgewirkt und inzwischen kann ich Antworten geben. Und das hat mich enorm in den Alltag meiner Charas eindringen lassen. Sehr spannend! 🙂

    • Es wird ja auch öfter über die Frage gestritten, ob der Charakter sich der Story anpassen sollte oder die Story dem Charakter. Letztlich geht das natürlich Hand in Hand, und um eine wirklich interessante Figur zu zeichnen, sollte alles dazugehören, auch der „Kleinkram“ aus dem alltäglichen Leben oder persönliche Macken. Aber was davon sich wirklich lohnt, zu erzählen, hängt eben von der Geschichte ab.
      Ich wünsche dir viel Spaß mit Sol Stein 🙂

  2. Hmh, bei Kartenspiel und Antagonist fällt mir irgendwie der Joker ein, der ja für alles eingesetzt werden kann – und somit eine beliebige Figur ohne eigenes Profil wäre. Und dem die mangelnde Persönlichkeit in ihrer Beliebigkeit auf den Zeiger geht …
    Nur so ein Gedanke, wobei ich selber nicht schreibe und das aúch in Zukunft nicht tun werde. Vielleicht hilft es ja dennoch.

  3. Pingback: Gibt es überhaupt noch »Literatur«? | Senkland - SF, Fantasy und der ganze Rest

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