Reiner und Volker W. Joch (Hrsg.): Feldpostbriefe

Wie viele andere Großväter der Babyboomer-Generation war auch meiner im 2. Weltkrieg Soldat. Er hatte das Glück, diese Zeit zumindest körperlich unbeschadet zu überstehen, und kehrte nach kurzer Gefangenschaft mit dem Geigenkoffer unter dem Arm wieder heim. Im Rückblick bin ich mir sicher, dass er den Rest seines Lebens unter dem litt, was man heute als »Posttraumatisches Stresssyndrom« bezeichnet. Er war ein von Ängsten geplagter Mann ohne Wärme; und er verlor über seine Soldatenzeit kein einziges Wort.

Ob mein Großvater seiner Frau und den drei Kindern jemals von der Front geschrieben hat, kann ich nur vermuten. Wenn es Briefe gab, habe ich sie nie zu Gesicht bekommen. Möglicherweise sind sie in einer Bombennacht verbrannt oder sie blieben in einem fremden Haus liegen. Wie der Krieg tatsächlich für ihn gewesen ist, woran er geglaubt hat und womit er fertig werden musste, das verbleibt für immer ein Geheimnis.

Aus diesem Grund waren »Die Feldpostbriefe des Gefreiten Wilhelm Joch« für mich eine ganz besondere Art der Begegnung mit meiner eigenen Familienvergangenheit.

Dies ist ein leises Buch. Wer wüste Schlachtenschilderungen erwartet und heroische Parolen, der ist hier falsch. Wilhelm Joch ist sparsam mit seinen Schilderungen des Soldatenalltags. Er will seine Frau, die mit den vier Kindern alleine zurechtkommen muss, nicht beunruhigen, und legt sein Schicksal in Gottes Hand – und in die des Soldatenglücks. Die wenigen Eindrücke vom Leben im Schützengraben lassen nur ahnen, unter welch schrecklichen Bedingungen dieser Krieg ausgefochten wurde, und erst in den letzten Briefen tritt die Schlacht in den Vordergrund.

Seine tatsächliche Wirkung entfaltet das Buch für mich im Rückblick.
Die Zeit des Weltkriegs und der millionenfache »Heldentod für das Vaterland« haben ein Gesicht bekommen; das eines vierfachen Familienvaters, dessen einziger Wunsch es ist, lebend zu seiner Familie zurückzukehren.
»Die Soldaten« werden zu Menschen.
Und einer von ihnen war auch mein Großvater.

Wer, so wie ich, eine Lücke des Schweigens in der Familiensaga hat, dem lege ich diese Briefe ans Herz – sie sind in ihrer Gesamtheit ein sehr berührendes Erlebnis.

Das Buch gibt es z.B. hier bei AmazonReiner Joch & Volker W. Joch (Hrsg.): Einmal werd ich wieder bei Euch sein!

4 Gedanken zu „Reiner und Volker W. Joch (Hrsg.): Feldpostbriefe

  1. Wunderbar geschrieben, dein Kommentar.
    Die Lücke des Schweigens in der Familiensaga…Ja, ich weiß wovon du sprichst.
    Eine Lücke aus Schweigen und sonderbar abgeschnittenen Emotionen. Ich habe „Kriegsenkel“ von Sabine Bode gekauft, am Flughafen, als ich endlich, nachdem ich die Wohnung meiner Eltern aufgelöst hatte, nach Hause zurück fliegen konnte. Und habe mich darin wieder gefunden, auf fast jeder Seite. Saß heulend in der Abflughalle, denn schon nach wenigen Seiten war klar, worum es ging. Geblieben ist mir immer das Gefühl: Ganz egal wie, aber damit ist Schluss. Ich muss die Kurve kriegen, auch wenn es mir so vor kommt als wäre es schon lange zu spät.

    • Es ist NIE zu spät – auch wenn das ein abgenudelter Spruch ist 🙂 Man sollte es ab einem gewissen Punkt allerdings vielleicht nicht noch weiter hinauszögern …

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