Gibt es überhaupt noch »Literatur«?

Ich wurde zu meiner Meinung zu »Wannabee«-Autoren gefragt, und die Antwort wurde immer länger, bis ich spontan beschlossen habe, daraus einen Blogartikel zu machen.
Begonnen hatte das ganze – wie auf Fb so oft – mit einem kurzen Austausch auf der Wall eines Freundes, in diesem Falle über Roger Willemsen (mein Favorit) und Peter Sloterdijk (der Favorit des »Kontrahenten«).
Es endete (bisher) mit einem Kommentar zu meinem auf Fb geposteten Artikel zur Charakterentwicklung und der Frage, ob nicht der »längere Text« auf dem absteigenden Ast sei, die Tätigkeit des »Lesens« nur noch ein Wort ohne Inhalt, sowie einem im Hintergrund angedeuteten Bedauern über den Verfall der »Kunst«, in diesem Falle also der Schriftstellerei.
Ob ich eine Meinung dazu hätte?
Habe ich.
Hier also die Antwort:
Ich bin umgeben von Bildungsarroganz aufgewachsen, man könnte es vielleicht auch die typisch deutsche Bewunderung für das »Genie« nennen. Schreiben und gelesen werden durfte nur der (hauptsächlich), dem das Genie in die Wiege gelegt worden war, das dann von enthusiastischen, idealistischen, feinfühligen Verleger-Seelsorgern aufgegriffen, im Garten der Kultur gepflegt und schließlich für die Kenner und Genießer veröffentlicht wurde.
Das gleiche galt im Übrigen auch für die Musik. Es gab nur eine Musik, die mit dem »E« davor, alles andere war Schrott, zu dem man höchstens besoffen auf Partys tanzte.
Die Vorstellung, dass man das Schreiben lernen könne, wurde als geradezu grotesk abgelehnt.

Wie nicht zu übersehen, betrachtet(e) man das auf einem der größten Literaturmärkte, dem englischen, etwas anders, und mit den Jahren habe ich meine eigene Arroganz abgelegt und mir die Freiheit genommen, selbst zu schreiben, was ich jahrzehntelang nicht wagte, aus Angst, niemals gut genug sein zu können.
Die Frage ist: gut genug für was?
Ist es nicht die Aufgabe eines Schriftstellers, eine Geschichte zu erzählen? Ist es nicht legitim, mit dem, was man da geschrieben hat, auch Geld verdienen zu wollen? Was spricht dagegen, eine Geschichte so zu konstruieren, dass sie den Leser mitreißt? Das klappt vermutlich nicht sofort – vielleicht auch nie – aber das ist kein Argument dafür, dass man es nicht versuchen sollte.

Dass keine »längeren Texte« mehr gelesen werden, ist Unsinn. Hunderte dicker Fantasy-Schwarten sprechen dagegen 😉 Genauso, wie von jedem Buch, das man in die Hand nimmt, die Offenbarung zu erwarten. Zumal – die Diskussion um Willemsen und Sloterdijk zeigt es – die »Offenbarung« für jeden woanders zu finden sein kann.

Es stimmt, dass eine Menge Müll auf dem Markt zu finden ist. Nicht jeder, der keine Lust hat, für die Schublade zu schreiben, ewig auf eine Antwort zu warten oder gleich im Verlags-Mülleimer zu landen, weil die Story nicht ins Programm passt, hat überhaupt eine Vorstellung davon, wie man Sätze bildet und Geschichten zusammenhängend erzählt. Da findet sich jede Menge ödes Gestammel, das man sich wirklich sparen kann. Aber eben auch jede Menge spannender, gut erzählter Storys.
Vieles davon ist nicht perfekt. Aber das muss es auch nicht sein.

Was »Literatur« sein kann, ist ein außerordentlich weites Feld. Rang und Namen? Nun. Die Klassiker werden sich damit abfinden müssen, dass eben auch eine Poppy J. Anderson einen Rang hat (die ich übrigens nicht lese, weil ich romantische Lovestorys nicht ausstehen kann, aber ich bewundere ihre literarische Tatkraft).
Ich habe unter denen, die ihre Romane, Geschichten, Märchen, Fantasy-Storys, SF-Erfindungen selbst herausgeben inzwischen ganz wunderbare Literatur entdeckt. Poetisches, Freches, Kluges, Geistreiches, Witziges, Anrührendes, Spannendes … die Liste ist lang.

Wovon der Bildungsbürger sich verabschieden muss, ist die Pose des »Lesenden« (hier »Donnerblech«-Geschüttel aus dem Orchestergraben einfügen), der nur weil er sich durch ein paar kompliziertere Sätze gepflügt hat, sich auch einbilden darf, die Deutungshoheit über das erlangt zu haben, was Literatur zu sein hat.
Literatur ist auch einfach Spaß, ist Traumwelt, Versinken, Vergessen, Gold finden am Grund eines schlammigen Teichs, bestehend aus ein paar Komma- und Schreibfehlern.

Um die alte, überhebliche Christine hervorzuholen, damit das hier nicht so aussieht, als läse ich nur »Unterhaltungsliteratur« (ich bin eine nicht totzukriegende Liebhaberin von Krimis und epischen Schädelspaltereien): Meine letzte Entdeckung (apropos »Tod des langen Textes«) sind die Kurzgeschichten der Nobelpreisträgerin Alice Munroe. Wenn ich im Literaturbetrieb was zu sagen hätte, würde ich alle Schreiber von Beziehungsromanen dazu verdonnern, ihren Band »Liebes Leben« zu lesen, damit sie erfahren, »was Literatur sein kann« – um es dann selbst zu versuchen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Von mir aus darf jeder schreiben, den es dahin zieht. Das Wort »Autor« bezeichnet erst einmal nur den Urheber eines Textes. Ob sich der Text lohnt, weiß der erfahrene Leser nach den ersten fünf Sätzen. Die kann man sich in der Leseprobe zu Gemüte führen, und wenn es einem nicht liegt, den nächsten Text auf Herz und Nieren prüfen.

Ich persönlich möchte jedenfalls nie wieder auf das hohe Ross zurück, weil mich das davon abhalten würde, meine eigene Begabung zu entfalten, und das nur, weil mir nicht unentwegt in den Feuilletons der Bauch gepinselt wird.

Da sch… ich drauf, um es mal ganz rüde auszudrücken 🙂

13 Gedanken zu „Gibt es überhaupt noch »Literatur«?

  1. stimme zu, empfinde aber doch, dass es Bücher gibt, die mich sättigen und andere, die eher fastfood sind. Aber auch die mag ich manchmal wie eine Tüte Erdnussflips z.B. Und genauso schlinge ich sie runter, um dann nach dem dritten zu merken, dass ich Nahrung brauche. 😉

    • Ich behaupte nirgendwo, dass es keine Qualitätsunterschiede gibt, und ich lese auch nicht nur Krimis 🙂 Aber jedex findet seine Nahrung woanders. Mir geht es um diese Vergötterung von „Literatur“, die letztlich nur für einen doch eher geringen Teil der Weltbevölkerung überhaupt von Bedeutung ist. Das ist an sich auch kein Problem. Aber wenn ich meine Lese- und Schreibgewohnheiten von den „Wissenden“ abhängig mache, entgeht mir eine ganze Menge. „Tiefgang“ kann man an den am wenigsten vermuteten Orten finden 🙂

      • Ich vergöttere nicht Literatur, aber ich bin den Überschuss an Fastfood halt manchmal leid. Es geht mir auch nicht um Tiefgang, sondern um Nachhaltigkeit, um Poesie, um die wunderbare Schwingung, die manche Bücher entfalten wie eine gute Musik, und die mich dann noch einige Zeit begleitet.
        Und by the way, es ist natürlich alles Geschmacksache. Die einen lieben Andersch, die anderen Fitzek und wieder andere 50 Shades of Grey. Jeder Jeck ist anders, wie der Düsseldorfer sagt. Und für jeden ist etwas im Angebot. Für die einen mehr, für die anderen weniger. Und natürlich finde ich überintellektuelles Geschwafel über Hochliteratur auch nervend. Ich schrieb ja schon, dass ich zustimme. 😉

  2. Hat dies auf Katharina Münz rebloggt und kommentierte:
    Gut gebrüllt, Löwin!
    Ja, es stünde dem ein oder anderen (selbsternnnten) Literatur“papst“ gut zu Gesicht, dem Leser die Kompetenz zuzugestehen, dass der erwachsen genug ist, sich unter der Vielfalt, die der Buchmarkt dank der Selfpublisher heute bietet, sich das herauszusuchen, was dem Einzelnen gefällt.
    Wir Leser sind keine Kleinkinder, die nur vorausgewählte (und quasi vorgekaute) Literaturhäppchen zu uns nehmen dürfen.
    Wir haben unterschiedliche Geschmäcker entwickelt, der eine steht auf Hax’n mit Knödl und Kraut, der nächste auf vegan und mancher isst aus Neugierde alles, um sich selbst ein Bild zu machen.
    Sehr löblich auch Christine Ulrichs selbstsichere Haltung zu Lovestorys.
    Da juckt es mich doch glatt in den Fingern, den Artikel meinem treuen „Fanclub“ zu präsentieren, der sich in den heren Gewässern eines gewissen Forums tummelt … On verra …

  3. Sehr gut gesagt, Christine. Genau meine Meinung.
    Gute Unterhaltung und „Literarisches“ findet man meiner Meinung nach oft in Büchern, wo man nicht damit gerechnet hätte.

    Was nicht heißen soll, dass sich in den „Amazon Top 100“ nicht auch unglaublicher Schrott tummelt. Aber jedem das seine, der Markt ist groß und bunt. 🙂

  4. Das ist ein cooler Beitrag. Am Besten fand ich den Teil darüber, das es die Aufgabe eines Schriftstellers sei eine Geschichte zu erzählen. Klar gibt es geniale Einsätze von Floskeln, oder besonders elegante Sätze, aber das braucht es nicht ungedingt für eine spanndende Geschichte. Ich finde ehrlich gesagt, das vieles einen Platz im Bücherregal hat, und die spannenden Sachen finde ich – zumindest im Fantasy-Bereich – oft außerhalb der Buchhandlungen und bekannten Autoren.

    • Dankeschön 🙂 Ich persönlich achte sehr auf die Sprache, aber jedes Genre hat da eigene Regeln – die man auch brechen kann, vorausgesetzt, man hat sie überhaupt verstanden. Derzeit leuchtendes Beispiel ist für mich der „Klingen-Zyklus“ von Joe Abercrombie.
      Was mich auf die Palme bringt, ist diese Haltung, dass alles, für dessen Verständnis man keine umfassende Allgemeinbildung mitbringen muss (oder besser noch ein Studium), per se keine Literatur ist. Das verunglipmpft nicht nur die Autoren, sondern auch die Leser.

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