Gibt es überhaupt noch »Literatur«?

Ich wurde zu meiner Meinung zu »Wannabee«-Autoren gefragt, und die Antwort wurde immer länger, bis ich spontan beschlossen habe, daraus einen Blogartikel zu machen.
Begonnen hatte das ganze – wie auf Fb so oft – mit einem kurzen Austausch auf der Wall eines Freundes, in diesem Falle über Roger Willemsen (mein Favorit) und Peter Sloterdijk (der Favorit des »Kontrahenten«).
Es endete (bisher) mit einem Kommentar zu meinem auf Fb geposteten Artikel zur Charakterentwicklung und der Frage, ob nicht der »längere Text« auf dem absteigenden Ast sei, die Tätigkeit des »Lesens« nur noch ein Wort ohne Inhalt, sowie einem im Hintergrund angedeuteten Bedauern über den Verfall der »Kunst«, in diesem Falle also der Schriftstellerei.
Ob ich eine Meinung dazu hätte?
Habe ich.
Hier also die Antwort:
Ich bin umgeben von Bildungsarroganz aufgewachsen, man könnte es vielleicht auch die typisch deutsche Bewunderung für das »Genie« nennen. Schreiben und gelesen werden durfte nur der (hauptsächlich), dem das Genie in die Wiege gelegt worden war, das dann von enthusiastischen, idealistischen, feinfühligen Verleger-Seelsorgern aufgegriffen, im Garten der Kultur gepflegt und schließlich für die Kenner und Genießer veröffentlicht wurde.
Das gleiche galt im Übrigen auch für die Musik. Es gab nur eine Musik, die mit dem »E« davor, alles andere war Schrott, zu dem man höchstens besoffen auf Partys tanzte.
Die Vorstellung, dass man das Schreiben lernen könne, wurde als geradezu grotesk abgelehnt.

Wie nicht zu übersehen, betrachtet(e) man das auf einem der größten Literaturmärkte, dem englischen, etwas anders, und mit den Jahren habe ich meine eigene Arroganz abgelegt und mir die Freiheit genommen, selbst zu schreiben, was ich jahrzehntelang nicht wagte, aus Angst, niemals gut genug sein zu können.
Die Frage ist: gut genug für was?
Ist es nicht die Aufgabe eines Schriftstellers, eine Geschichte zu erzählen? Ist es nicht legitim, mit dem, was man da geschrieben hat, auch Geld verdienen zu wollen? Was spricht dagegen, eine Geschichte so zu konstruieren, dass sie den Leser mitreißt? Das klappt vermutlich nicht sofort – vielleicht auch nie – aber das ist kein Argument dafür, dass man es nicht versuchen sollte.

Dass keine »längeren Texte« mehr gelesen werden, ist Unsinn. Hunderte dicker Fantasy-Schwarten sprechen dagegen 😉 Genauso, wie von jedem Buch, das man in die Hand nimmt, die Offenbarung zu erwarten. Zumal – die Diskussion um Willemsen und Sloterdijk zeigt es – die »Offenbarung« für jeden woanders zu finden sein kann.

Es stimmt, dass eine Menge Müll auf dem Markt zu finden ist. Nicht jeder, der keine Lust hat, für die Schublade zu schreiben, ewig auf eine Antwort zu warten oder gleich im Verlags-Mülleimer zu landen, weil die Story nicht ins Programm passt, hat überhaupt eine Vorstellung davon, wie man Sätze bildet und Geschichten zusammenhängend erzählt. Da findet sich jede Menge ödes Gestammel, das man sich wirklich sparen kann. Aber eben auch jede Menge spannender, gut erzählter Storys.
Vieles davon ist nicht perfekt. Aber das muss es auch nicht sein.

Was »Literatur« sein kann, ist ein außerordentlich weites Feld. Rang und Namen? Nun. Die Klassiker werden sich damit abfinden müssen, dass eben auch eine Poppy J. Anderson einen Rang hat (die ich übrigens nicht lese, weil ich romantische Lovestorys nicht ausstehen kann, aber ich bewundere ihre literarische Tatkraft).
Ich habe unter denen, die ihre Romane, Geschichten, Märchen, Fantasy-Storys, SF-Erfindungen selbst herausgeben inzwischen ganz wunderbare Literatur entdeckt. Poetisches, Freches, Kluges, Geistreiches, Witziges, Anrührendes, Spannendes … die Liste ist lang.

Wovon der Bildungsbürger sich verabschieden muss, ist die Pose des »Lesenden« (hier »Donnerblech«-Geschüttel aus dem Orchestergraben einfügen), der nur weil er sich durch ein paar kompliziertere Sätze gepflügt hat, sich auch einbilden darf, die Deutungshoheit über das erlangt zu haben, was Literatur zu sein hat.
Literatur ist auch einfach Spaß, ist Traumwelt, Versinken, Vergessen, Gold finden am Grund eines schlammigen Teichs, bestehend aus ein paar Komma- und Schreibfehlern.

Um die alte, überhebliche Christine hervorzuholen, damit das hier nicht so aussieht, als läse ich nur »Unterhaltungsliteratur« (ich bin eine nicht totzukriegende Liebhaberin von Krimis und epischen Schädelspaltereien): Meine letzte Entdeckung (apropos »Tod des langen Textes«) sind die Kurzgeschichten der Nobelpreisträgerin Alice Munroe. Wenn ich im Literaturbetrieb was zu sagen hätte, würde ich alle Schreiber von Beziehungsromanen dazu verdonnern, ihren Band »Liebes Leben« zu lesen, damit sie erfahren, »was Literatur sein kann« – um es dann selbst zu versuchen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Von mir aus darf jeder schreiben, den es dahin zieht. Das Wort »Autor« bezeichnet erst einmal nur den Urheber eines Textes. Ob sich der Text lohnt, weiß der erfahrene Leser nach den ersten fünf Sätzen. Die kann man sich in der Leseprobe zu Gemüte führen, und wenn es einem nicht liegt, den nächsten Text auf Herz und Nieren prüfen.

Ich persönlich möchte jedenfalls nie wieder auf das hohe Ross zurück, weil mich das davon abhalten würde, meine eigene Begabung zu entfalten, und das nur, weil mir nicht unentwegt in den Feuilletons der Bauch gepinselt wird.

Da sch… ich drauf, um es mal ganz rüde auszudrücken 🙂

22 Gedanken zu „Gibt es überhaupt noch »Literatur«?

  1. stimme zu, empfinde aber doch, dass es Bücher gibt, die mich sättigen und andere, die eher fastfood sind. Aber auch die mag ich manchmal wie eine Tüte Erdnussflips z.B. Und genauso schlinge ich sie runter, um dann nach dem dritten zu merken, dass ich Nahrung brauche. 😉

    • Ich behaupte nirgendwo, dass es keine Qualitätsunterschiede gibt, und ich lese auch nicht nur Krimis 🙂 Aber jedex findet seine Nahrung woanders. Mir geht es um diese Vergötterung von „Literatur“, die letztlich nur für einen doch eher geringen Teil der Weltbevölkerung überhaupt von Bedeutung ist. Das ist an sich auch kein Problem. Aber wenn ich meine Lese- und Schreibgewohnheiten von den „Wissenden“ abhängig mache, entgeht mir eine ganze Menge. „Tiefgang“ kann man an den am wenigsten vermuteten Orten finden 🙂

      • Ich vergöttere nicht Literatur, aber ich bin den Überschuss an Fastfood halt manchmal leid. Es geht mir auch nicht um Tiefgang, sondern um Nachhaltigkeit, um Poesie, um die wunderbare Schwingung, die manche Bücher entfalten wie eine gute Musik, und die mich dann noch einige Zeit begleitet.
        Und by the way, es ist natürlich alles Geschmacksache. Die einen lieben Andersch, die anderen Fitzek und wieder andere 50 Shades of Grey. Jeder Jeck ist anders, wie der Düsseldorfer sagt. Und für jeden ist etwas im Angebot. Für die einen mehr, für die anderen weniger. Und natürlich finde ich überintellektuelles Geschwafel über Hochliteratur auch nervend. Ich schrieb ja schon, dass ich zustimme. 😉

  2. Hat dies auf Katharina Münz rebloggt und kommentierte:
    Gut gebrüllt, Löwin!
    Ja, es stünde dem ein oder anderen (selbsternnnten) Literatur“papst“ gut zu Gesicht, dem Leser die Kompetenz zuzugestehen, dass der erwachsen genug ist, sich unter der Vielfalt, die der Buchmarkt dank der Selfpublisher heute bietet, sich das herauszusuchen, was dem Einzelnen gefällt.
    Wir Leser sind keine Kleinkinder, die nur vorausgewählte (und quasi vorgekaute) Literaturhäppchen zu uns nehmen dürfen.
    Wir haben unterschiedliche Geschmäcker entwickelt, der eine steht auf Hax’n mit Knödl und Kraut, der nächste auf vegan und mancher isst aus Neugierde alles, um sich selbst ein Bild zu machen.
    Sehr löblich auch Christine Ulrichs selbstsichere Haltung zu Lovestorys.
    Da juckt es mich doch glatt in den Fingern, den Artikel meinem treuen „Fanclub“ zu präsentieren, der sich in den heren Gewässern eines gewissen Forums tummelt … On verra …

  3. Sehr gut gesagt, Christine. Genau meine Meinung.
    Gute Unterhaltung und „Literarisches“ findet man meiner Meinung nach oft in Büchern, wo man nicht damit gerechnet hätte.

    Was nicht heißen soll, dass sich in den „Amazon Top 100“ nicht auch unglaublicher Schrott tummelt. Aber jedem das seine, der Markt ist groß und bunt. 🙂

  4. Das ist ein cooler Beitrag. Am Besten fand ich den Teil darüber, das es die Aufgabe eines Schriftstellers sei eine Geschichte zu erzählen. Klar gibt es geniale Einsätze von Floskeln, oder besonders elegante Sätze, aber das braucht es nicht ungedingt für eine spanndende Geschichte. Ich finde ehrlich gesagt, das vieles einen Platz im Bücherregal hat, und die spannenden Sachen finde ich – zumindest im Fantasy-Bereich – oft außerhalb der Buchhandlungen und bekannten Autoren.

    • Dankeschön 🙂 Ich persönlich achte sehr auf die Sprache, aber jedes Genre hat da eigene Regeln – die man auch brechen kann, vorausgesetzt, man hat sie überhaupt verstanden. Derzeit leuchtendes Beispiel ist für mich der „Klingen-Zyklus“ von Joe Abercrombie.
      Was mich auf die Palme bringt, ist diese Haltung, dass alles, für dessen Verständnis man keine umfassende Allgemeinbildung mitbringen muss (oder besser noch ein Studium), per se keine Literatur ist. Das verunglipmpft nicht nur die Autoren, sondern auch die Leser.

  5. Hallo und danke für den schönen und interessanten Beitrag.

    Aber, es gibt schon Unterschiede zwischen Autor und Poet. Und zwischen Unterhaltungsliteratur und „richtiger“ Literatur.

    Und das hat nichts damit zu tun daß man auf dem hohen Ross sitzt. Es gibt ja sonst auch überall Unterschiede. Egal ob es Spitzenköche sind oder verschieden schnelle Schirennläufer. Wieso also nicht auch in der Literatur?

    Der Fehler liegt eher bei uns die wir nicht mehr mit guter Literatur aufgewachsen sind. Und vor allem weil wir heute mit so viel Schlechtem bombardiert werden. Mit so vielen Wort- und Gedankenhülsen, dass wir Gutes und Schlechtes kaum noch unterscheiden können.

    Und auch kaum noch „richtig“ lesen können.

    Thomas.

    https://www.der-leiermann.com/

    • Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede. Ich glaube nicht, dass ich etwas anderes behauptet habe. Aber die Idee, dass „richtige“ Literatur nicht gleichzeitig auch unterhalten kann, bzw nicht _darf_, wenn sie „richtige“ Literatur sein will, halte ich für einen Wahn. Das Vergnügen ist nicht für jeden an der gleichen Stelle zu finden.

      Kennst du Mitchells „Wolkenatlas“ (das Buch)? Viele Leser haben auf Amazon nur 1 Stern vergeben wegen der vielen Tipp- und Übersetzungsfehler, die das Buch ihrer Meinung nach unleserlich machen. Dass es sich dabei um die absichtliche Verwendung einer ins Altertümliche gedrehten Sprache handelt, konnten sie nicht verstehen, weil sie offenbar nicht wissen, dass, bzw. auf welche Weise, Wörter früher anders geschrieben wurden.
      An diesem Punkt hast du recht: Wessen Allgemeinbildung nur auf sozialen Medien beruht, der wird mit dem Buch nichts anfangen können.

      Was mich angeht, so empfinde ich den „Wolkenatlas“ als überaus poetisch, sowohl was die verwendete Sprache als auch was die Geschichte selbst angeht – gleichzeitig ist das Buch sehr unterhaltsam, sonst hätte ich es nicht gelesen.

      Mein Artikel handelt in erster Linie von dem, was mich mutlos gemacht hat in Bezug auf mein eigenes Schreiben – in Bezug auf künstlerische Entfaltung generell – nämlich das einheitliche Credo, dass es nur eine einzige Art von „Kunst“ gibt, die akzeptabel ist. Und welche das ist, bestimmten während der Zeit meines Aufwachsens im Großen und Ganzen Männer mit Brille, Halbglatze und Pfeife, große Verlage, „Literaturpäpste“ wie Reich-Ranicki und sonstige Experten.
      Wer die „Kunst“ nicht versteht, der ist einfach nicht gebildet genug. Basta.

      In vielen Fällen – siehe Wolkenatlas – stimmt das anscheinend auch, und die Leute sind beleidigt, wenn man ihrem Urteil widerspricht. Das Buch ist einfach Mist, und das können sie unzweifelhaft beurteilen.

      Absurd, oder? Tatsache ist: Einem Mann wie Reich-Ranicki hätte es ebenfalls an der Grundlage gefehlt, zu beurteilen, was an einem Vampirroman so toll ist, dass er en masse verschlungen wird. Er hätte über den Verfall des Abendlandes geklagt und über die sinkende Intelligenz der Bevölkerung.

      Stattdessen ist es ganz einfach so: Auch Autoren mit weniger universalen Ambitionen als Mitchell können heutzutage ihre Bücher veröffentlichen und dafür Leser suchen.
      Und auch ich, der man eingebläut hat, dass ich erst mal beweisen muss, dass ich genial geboren bin, bevor ich daran denken kann, irgendetwas Lohnenswertes niederzuschreiben – auch ich darf meine eigenen Ideen entwickeln und darauf hoffen, dass mir die Verbindung von Sprache und Unterhaltung gelingt. Ganz ohne den Segen irgendwelcher „Experten“.

      Ob deren Urteil dann irgendwann wichtig ist, hängt davon ab, wo ich mit dem Resultat meiner Bemühungen hin will.
      Und nur so als Abschluss: Es gibt überall Listen mit den wichtigsten Büchern, die „man gelesen haben sollte“. Wenn man also daran interessiert ist, an der eigenen Lesekompetenz zu arbeiten, kann man das Smartphone einfach mal zur Seite legen und ein paar Seiten umblättern (Papierbuch deshalb, damit man nicht jedes Mal wieder auf Fb landet, wenn die Lektüre vorübergehend vielleicht ein bisschen mühsam wird). Nur zu dem Schluss zu kommen, alle wären ja heutzutage so verwirrt, dass sie Gutes und Schlechtes kaum noch unterscheiden könnten, klingt für mich arg nach Resignation.

  6. Hallo Christine und danke für Deine ausführliche Antwort. Ich musste sie mir sogar ausdrucken damit ich sie richtig lesen kann …

    Ich will natürlich nicht behaupten, dass gute Literatur nicht auch unterhalten kann. Aber eben nicht nur. Im Gegensatz zu den meisten Büchern die heute auf den Markt kommen, die auf schnellen Konsum ausgerichtet sind, darauf zu unterhalten und die Spannung bis zum Schluss zu halten.

    Was Du über Deine Entwicklung schreibst, das kann ich nachvollziehen. Aber ich glaube das geht jeden Schriftsteller so, darüber haben auch schon Th. Wolfe oder H. Hesse geschrieben. Und ich freue mich für Dich, dass Du jetzt stark genug bist Deinen eigenen Weg zu gehen.

    Aber in einem Punkt bin ich anderer Meinung als Du und muß Dir widersprechen. Denn es gibt wirklich einen Kanon an Büchern die man gelesen haben „muß“ und die das Leben eines Menschen ändern können. Und die einen „gebildeter“ machen, nicht nur geistig sondern auch seelisch und als ganzen Menschen. Bücher zu denen man immer wieder zurückkehren kann um sie neu zu lesen und zu verstehen. Weil sie so tiefgründig und vielfältig sind, dass man sie wahrscheinlich nie verstehen wird.

    Und das bieten Unterhaltungsromane nicht. Wollen sie auch nicht, da gebe ich Dir Recht.

    Aber trotzdem hatte Reich-Ranicki Recht wenn er über den Verfall des Abendlandes geklagt hätte. Und über die sinkende Intelligenz der Bevölkerung. Denn das Buch macht etwas mit dem Menschen. Und auch mit der Gesellschaft und Kultur.
    Und wir sind eine Buchkultur, jedenfalls waren wir das bis vor kurzem. In unserer Kultur intelligent und gebildet zu sein heißt dadurch auch gebildet durch Literatur. Und ein Gehirn das beeinflusst und geformt wurde durch die Technik des Lesens.

    Zum Schluss möchte ich noch danke sagen für die interessante Diskussion die ich gerne weiterführen würde. Und ich hoffe Dich stört das Du-Wort nicht. Es ist mir einfach so in die Tastatur gerutscht, und jetzt bin ich etwas zu faul es zu ändern.

    Liebe Grüße,
    Thomas.

    • Ich hoffe, es stört nicht, wenn ich mich hier mal einmische, und ebenfalls das Du benutze. Ich als junger Mensch wurde oft genug mit dem Vorwurf konfrontiert, die junge Generation lese zu wenig. Un das stimmt. Vielen Leuten entgehen wunderbare Geschichten und Erzählungen, ob sie nun zur Unterhaltungliteratur oder „gehobenen“ Literatur gehören. Doch bitte ich darum, nicht von einer daraus resultierenden sinkenden Intelligenz zu sprechen. Viele meiner ehemaligen Mitschüler sind sehr intelligente Menschen, Literatur oder nicht, die in Zukunft die Ärtze, Lehrer o.Ä dieser Generation werden. Die Welt wird sich trotzdem weiterdrehen.

      Es tut mir Leid, wenn ich ein wenig harsch klinge, aber ich bin es auch ein wenig Leid, einer „Verblödung“ der Jugend o. Ä. vorgeworfen zu werden, auch wenn du das vielleicht nicht so meintest.

      In einigen Argumenten muss ich aber auch zustimmen.
      Literatur bildet einen durchaus weiter, sie kann einen zum Nachdenken anregen, und einen ergreifen, und gehört ganz gewiss untrennbar zur Gesellschaft und Kultur, und auch, wenn sie von weniger Menschen gelesen wird, wird sie nicht verschwinden.

      Ich glaube, es wird immer Menschen geben, die Bücher, egal welcher Art, lesen.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Maximilian

      • Hallo Maximilian und danke für Deine Antwort. Und sehr gerne kannst Du das Du benützen!

        Und ich glaube ich verstehe was Du meinst. Und ja, die Welt wird sich weiterdrehen. Und wir werden auch weiterhin Ärzte und Juristen usw. haben.

        Aber es wird nicht mehr diese Kultur und diese Art der Gesellschaft sein. Und auch nicht mehr diese Art von Intelligenz.

        Und Literatur wird zwangsweigerlich verschwinden, so leid mir das tut und so sehr mich das auch schmerzt.

        Es ist etwas schwer hier auf alle Punte genau einzugehen. Ich teile Dir später einen link wo ich darüber in einem längeren Beitrag schreibe.

        Aber was ich eigentlich sagen wollte, wir leben in einer Kultur des Buches, unsere Gesellschaft die wir bisher kannten war eine Buchkultur und unsere Definition von Intelligenz und von Menschlichkeit konnte auch nur durch das Buch entstehen. Und deshalb werden sich alle diese Dinge ändern, weil wir in eine neue Kultur hineinwachsen. Mit allen Nachteilen die wir heute schon sehen.

        Und noch ein Punkt der leider auch stimmt, auch wenn viele das Gegenteil behaupten, aber dazu gibt es schon viele Untersuchungen: Ja, wir werden dümmer. Nicht nur die Jugend, auch wir Erwachsene. Und das hat direkt mit unserem Medienkonsum zu tun. Wenn man darüber nachdenkt und die negativen Folgen von Smartphone, Internet oder Fernsehen durchdenkt, dann wird das auch klar.

        Aber ich freue mich, dass Du Dich für das Thema interessierst und Dich damit auseinandersetzt.

        Liebe Grüße,
        Thomas.

        —–

        Und hier der Link: https://www.der-leiermann.com/ueber-das-lesen-01/

          • Hallo Thomas,
            Ich habe deinen Beitag nun gelesen und mir darüber Gedanken gemacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich die Möglichkeiten habe, entweder auf alles in deinem Beitrag einzugehen (was eine halbe Ewigkeit dauern dürfte, weil du ja doch viele Gedanken anbringst), oder mich einer Sache zuwende.
            Ich habe mich für letzteres entschieden. Deshalb antworte ich jetzt auch hier, weil hier ja auch schon der Rest unserer Unterhaltung steht (Ich hoffe, das ist in Ordnung).
            Du redest davon, dass heutige Autoren sich nur darauf konzentrieren würden, eine möglichst spannende Geschichte zu erzählen, und so die Sprache vernachlässigen. Aber muss man nicht auf die Sprache achten, um die Geschichte spannend zu gestalten?
            Ich glaube schon. Ich glaube man muss sich sehr mit einem Text an sich beschäftigen, damit er unterhaltend, aber auch gut und abwechslungsreich lesbar wird. Darin lässt sich glaube meine Ansicht gut erkennen.

            Gruß Maximilian

  7. Thomas und Maximilian: Sehr interessant. Danke für eure Beiträge!

    Erst mal zu dir, Thomas.
    Zitat: „Ich will natürlich nicht behaupten, dass gute Literatur nicht auch unterhalten kann. Aber eben nicht nur. Im Gegensatz zu den meisten Büchern die heute auf den Markt kommen, die auf schnellen Konsum ausgerichtet sind, darauf zu unterhalten und die Spannung bis zum Schluss zu halten.“

    Das ist richtig, aber es trifft nicht das, was ich meinte, vermutlich deswegen, weil ich mich von Anfang an nicht präzise genug ausgedrückt habe.
    Selbstverständlich gibt es reine „Unterhaltungsliteratur“, die einfach ein paar schöne Stunden beschert, und auch nicht mehr soll als das. Woran ich mich stoße, ist die Behauptung, dass man ein Buch wie sagen wir mal das „Glasperlenspiel“ von Hesse nicht um der „Unterhaltung“ willen lesen würde, sondern um sich zu „bilden“. Das halte ich für a) Selbstbetrug und b) Selbstbeweihräucherung, denn wer einen Sinn für diese Geschichte hat, der wird eben tatsächlich „unterhalten“, wenn auch auf einer anderen Ebene als jemand, der Krimis bevorzugt.

    Ich habe mich über diese Überheblichkeit (nicht deine, Thomas, sondern die der „Experten“) schon immer aufgeregt, und nicht nur im Bereich Literatur. Bei einem Gespräch unter Chorsängern, ob man Musik machen könnte, ohne sie studiert zu haben (ich war 16, der andere 19), bekam ich zu hören, dass das nicht möglich sei. Nun. Der Mann, der mir diese Antwort gab, wurde später Mitglied der Oper Berlin und Hochschulprofessor, was er ohne Studium sicher nicht geworden wäre. Aber: Nicht jeder strebt eine Karriere als Berufsmusiker an. Manche verstehen „Musik machen“ nicht als „Höhere Weihe“, sondern als etwas, das ihr Leben einfach schöner macht. Und das heißt eben nicht, dass sie Musik deswegen nicht „richtig“ empfinden könnten.
    Anders, ja. Aber wer hat das Recht, zu entscheiden, dass ein im Auto mit drei Personen gesungener Kanon grundsätzlich das banalere Erlebnis sein muss, wenn man es mit der Aufführung eines Werks mit Chor und Orchester vergleicht? Ich habe beides gemacht, und meiner Ansicht nach sollte man diese Dinge einfach nicht vergleichen, sondern sie gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen.

    Davon abgesehen würde es mich natürlich sehr interessieren, welche Bücher du meinst, die man „gelesen haben muss“. Vielleicht kenne ich ja sogar das eine oder andere. Dann könnten wir noch etwas konkreter werden.

    Und zu Maximilian.
    Erst mal: Es freut mich sehr, dass du dich hier einmischst 🙂 Ich bin, was die „Intelligenz der Jugend“ angeht, ehrlich gesagt nicht so ganz auf dem Laufenden. Manchmal mache ich mir Sorgen, ob die ständig verfügbare mediale Ablenkung nicht dazu führt, dass die grundsätzliche Fähigkeit, einer Sache über einen längeren Zeitraum ungeteilte Aufmerksamkeit zuzuwenden, schon im Ansatz zerstört wird.
    Nicht deswegen, weil ich die Jugend für blöd halte, sondern weil ich es an mir selbst merke, wie schwierig es ist, sich dem zu entziehen, und ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo man noch zum Telefon hingehen musste, und einen Fernseher hatte wir erst, da war ich schon 9, es gab drei Kanäle und Sendeschluss war um 22:00 Uhr.

    Ich habe 1998 ernsthaft angefangen zu zocken (mit Baldurs Gate), und Games sind seitdem eine feste Komponente in meinem Leben. Ich habe ganze Tage in fremden Universen verbracht, und fing irgendwann an, darüber nachzudenken, wie es sein muss, wenn man das schon als Kind macht. Ob nicht die eigene Vorstellungskraft darunter leidet. Ob es nicht immer schwieriger wird, die Kraft aufzubringen, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, das einen wirklich berührt, wenn man doch diese emotionalen Momente auch sozusagen „gratis“ haben kann.
    Darin liegt eine unglaublich verführerische Kraft.
    Jedenfalls kam ich zu dem Schluss: Wenn ich Königin der Welt wäre, ich würde jegliches Zappen, Zocken und Wischen vor dem 12. Lebensjahr verbieten, und Smartphones würden den Erwachsenen automatisch Stromstöße verabreichen, sobald Kinder in der Nähe sind.
    Inzwischen kenne ich mehrere Fälle von Menschen unter 15, die sich vollständig vom wirklichen Leben verabschiedet haben, und das ist unglaublich tragisch.

    Wir wissen nicht wirklich, was wir uns und unserer Welt damit antun, wenn wir in gewisser Weise ständig „abwesend“ sind. Nie dort, wo wir uns tatsächlich befinden. Immer auf der Jagd nach dem nächsten „Event“.
    „Mensch sein“ ist eben viel mehr, als „Information aufnehmen und weitergeben“, zumal es sich wohl auch abzuzeichnen beginnt, dass viele junge Menschen mit dieser ständigen Flut überfordert sind.

    In diesem Sinne sehe ich es auch mit einer gewissen Sorge, wenn manche voller Begeisterung sind, weil man seine Geschichten inzwischen über diverse Plattformen in winzigen Häppchen erzählen kann. Da merke ich dann, dass ich inzwischen eine ziemlich alte Schachtel bin, weil mir das unglaublich gegen den Strich geht. Es widerspricht für mich dem, was „Lesen“ sein soll (und muss!), wenn es seine Wirkung entfalten soll (= die Fähigkeit zu entwickeln, aufmerksam zu sein, und im eigenen Kopf Vorstellungen und Bilder zu erschaffen).
    Das gleiche gilt für die Forderung, Bücher müssten bewegte Bilder enthalten, wenn sie interessant sein sollen. Ich habe nichts dagegen, aber ich wehre mich, wenn man mir zu erzählen versucht, dass alles ohne bewegte Bilder keinen Wert mehr hat. Die Bilder zu ergänzen, das ist der Job des Lesenden, sonst kann man eben auch Zocken oder einen Film gucken.

    Auf der anderen Seite habe ich aber auch nichts dafür übrig, nur noch über „Verfall“ zu jammern, und hoffe von Herzen, dass du recht hast, wenn du davon ausgehst, dass das Lesen nicht aussterben wird.

    LG euch beiden – und „du“ ist vollkommen richtig.

  8. (Ich lasse das mit dem Bedanken mal, jedem dürfte inzwischen klar sein, dass wir uns über jede Antwort freuen, außerdem sind wir sonst in einer Endlos-Bedanken-Schleife gefangen – so höflich und richtig das auch eigentlich ist)

    Dein Punkt mit der Aufmerksamkeit ist mir auch hin- und wieder aufgefallen, aber ich denke, dass ist von Person zu Person unterschiedlich. Wie deine anderen Argumente eigentlich auch.
    Ich persönlich bin eigentlich bei vielen Medien zu finden, seien es Bücher, Videospiele, Filme oder Serien. Und meine Fantasie wird dadurch eher angestachelt, aber auch das wird von Person zu Person unterschiedlich sein.

    So sieht man es eben dann an den „Fälle[n] von Menschen unter 15, die sich vollständig vom wirklichen Leben verabschiedet haben“, was selbstverständlich tragisch ist.
    Ich finde, dass viele Dinge in unserem Leben in Maßen in Ordung sind, man muss nur drauf Acht geben. Ich habe mich auch schon in Büchern verloren, und andere Sachen (ähem Hausaufgaben) dadurch vernachlässigt, was jetzt kein Argument gegen beispielsweise Handyverbot für jüngere sein soll.
    Ein Verbot sollte es meiner Meinung nach trotzdem nicht geben, eine sinnvolle Auseinandersetztung halte ich für viel wichtiger, um eben ein Übertreiben zu vermeiden.

    Alles in allem kann ich deine Sorgen trotzdem nachvollziehen und auch teilen.

    LG Maximilian

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