Mammutsalg

Es ist immer noch »Mammutsalg« in Norwegen, einmal im Jahr vor Ostern werden Bücher zum Schleuderpreis verscherbelt, für umgerechnet ungefähr 4,90 bis 19,90 Euro.
Ich bekomme dafür Werbung per Email von der »norli« Buchhandlung, eine der wenigen Werbemails, die ich tatsächlich haben will. Der Ausverkauf geht in die letzte Runde, halber Preis auf den Niedrigpreis.
Ich war schon da, habe schon gekauft – na klar – aber man kann ja noch mal gucken. Im letzten Jahr habe ich auf diese Weise Donna Tartts »Goldfink« erstanden, und 4,90 für so viele Buchstaben ist eine echt gute Bilanz.

Ich klicke mich ohne jede Hoffnung in die Kategorie »Humor und Comicserien«, in der wie immer nichts zu finden ist außer den letzten überlebenden Strips, die es immer noch überall zu kaufen gibt, und wie immer denke ich mit Wehmut an die kurze Zeit zurück, als in den Schaltzentralen der Buchmacht irgendwo ein Mensch gesessen haben muss, dem es gelang, Graphic Novels von Belang in die Regale zu schmuggeln.
Dieser Mensch ist inzwischen Geschichte, und ich vermisse ihn sehr. Er oder sie traf eine gute Auswahl an Graphic Novels und Serien aus völlig verschiedenen Bereichen – GNs wie die Lebensgeschichte von Hunter S. Thompson oder die italienische Fantasy-Räuberpistole »Dragonero«, Serien wie »Freak Angels« oder Comics zu Games wie »Hellgate London« – und er oder sie ersparte es mir, lost in space vor den meterlangen Regalen im »Outland« in Oslo zu stehen und mich durch tausende von alphabetisch geordneten Comics zu blättern, bis mir die Füße weh tun.
Schön.
Nicht.
Dann eben »Romane und Erzählungen«, und es ist genau so, wie ich es zuerst nicht glauben kann: Die einzigen Suchkriterien in dieser Kategorie sind »Taschenbuch oder gebunden«, die »Sprachform« (in Norwegen gibt es zwei, Bokmål und Nynorsk) und der Preis.
Als ob irgendetwas davon für die Art eines Buches relevant wäre!
Aber gut.
In Norwegen ist trotz aller Veränderung vieles immer noch etwas langsamer, als bei Amazon. Sie möchten, dass man die Beschreibung des Buches lesen muss. Bücher sollen sich nicht nach schnöden Stichwörtern sortieren lassen. Wir betreten das Reich der Schönliteratur. Hier ist der Boden heilig, jedes Wort Gold, jede Stichwortkategorisierung eine direkte Beleidigung des obersten Schreibgotts. Ketzerei. Weltuntergang.
Es bleibt nur Covergucken.

Zwischen all dem Genregeschnörkel, abstrakten Wegweisern zu LITERATUR (!!!) und Frauen im Halbprofil findet sich ein einsamer Fußabdruck auf braunem Untergrund, das Buch heißt »Leute, die ich erinnere«, was exakt der Idee für ein Buch entspricht, das ich immer schon mal schreiben wollte, weshalb ich die Buchbeschreibung lese und vom Glauben abfalle.
Da steht eine Inhaltsangabe, bei der man den Verfasser des Textes bei der Gurgel packen, ihn an die Wand klatschen und rufen möchte: »Gib mir in fünf Sätzen einen Grund, auch nur einen Blick in das Buch zu werfen, oder ich verfluche dich, für den Rest deines Lebens schlechte Schulaufsätze zu lesen!«

Zitat, von mir aus dem Norwegischen übersetzt:
»Leute, die ich erinnere« besteht aus einer Serie Porträts verschiedener Nebenpersonen im Leben einer Nebenperson. Der Ich-Erzähler erinnert Menschen, die auf die eine oder andere Art an seinem Leben teilgenommen haben, seien es Exgeliebte, Freunde, Familie, Lehrer, Mitsoldaten, Kollegen oder ganz zufällige Personen. Die Erzählungen sind geprägt von scharfer Beobachtungsgabe und einer Sprache voll Witz und Überschuss. Zusammen ergeben sie wichtige Teile der Geschichte eines Lebens.

WtF! Verschiedene Nebenpersonen im Leben einer Nebenperson? Sind die Leute vom Verlag sicher, dass sie ihre Bücher überhaupt verkaufen möchten? Oder wollen sie mir damit mitteilen, ich sollte das Buch lieber nicht lesen, es wäre nur herausgebracht worden, um dem Abteilungsleiter im Versand eine Freude zu machen, weil der einen Sohn hat, der gelegentlich kleine Geschichten kritzelt und sein Buch so gerne mal gedruckt sehen wollte?
Wo ist die Leseprobe, damit ich wenigstens eine Chance habe, selbst herauszufinden, ob der Mann tatsächlich so unfassbar einschläfernd und laienhaft schreibt, wie es die Inhaltsangabe nahelegt?
Was ist denn das für ein besch… Marketing?! Sobald es sich nicht um Genreliteratur handelt, muss man den Inhalt in überflüssigen Details runterbeten und in nichtssagenden Wendungen auf den Schreibstil hinweisen?
Selbstpublizierende Autoren haben inzwischen mehr Plan vom Klappentext, als einer der größten norwegischen Verlage?
Heiliger Himmel!
Und nirgendwo eine Leseprobe!
Ich krieg ’nen Föhn!

P.S.
Auf dem Lesezeichen, das ich beim letzten Einkauf dazubekommen habe, steht, dass »norli« die Webseite der Buchhandelskette erneuert hat.
Ich sag jetzt mal lieber nichts.
Gar nichts.
Gar.
Nichts.

———————-

Link zum Buch mit dem originalen Text: https://www.norli.no/folk-jeg-husker

6 Gedanken zu „Mammutsalg

  1. Bei vielen Klappentext habe ich den Eindruck, ein griesgrämiger Lektor möchte um jeden Preis verhindern, dass ich das Buch lese. Wenn ich diesen Typus dann mit sorgengefalteter Stirn im schwarzen Habit über die Buchmesse schleichen sehe, dann werde ich bestärkt, mir lesenswerte Bücher besser selbst zu besorgen.

    • Ich finde es unfassbar. Was geht diesen Leuten durch den Kopf? Das ist so dermaßen voriges Jahrhundert, einen Graben hochzuziehen zwischen „Unterhaltung“ und „richtiger Literatur“, ich habe sofort wieder das Gefühl, in der Schulklasse zu sitzen, und mit „Der Mann im Strom“ gemartert zu werden.

      • Das ist die Genietheorie, die vielen »Intellektuellen« im Kleinhirn klebt. Darum schauen sie seit Jahrzehnten verächtlich auf Autoren, die auf eigene Kosten veröffentlichen (ob nun im Zuschussverlag oder moderner per Self-Publishing) vom hohen Throne herab und meinen, die Erklärungshoheit für Literatur zu wahren. Ich erinnere mich gut, dass die FAZ vor rund 30 Jahren über von mir betreute Autoren schrieb, bei der Lektüre entstünde »Ekelverdacht«.

        Arrogant, narzisstisch und letztlich dumm wie Brot …

        • Mit dieser Theorie bin ich auch aufgewachsen: Männer schreiben Wichtiges, weil sie genial geboren wurden. Ich selbst werde niemals so schreiben können, weshalb es auch maximal ein nettes, belächeltes Hobby bleiben kann, mit dem ich meine Schreibtischschubladen fülle.
          Nun ist es ja im SP so, dass man da auch am ehesten eine Chance hat, wenn man sich einem Genre widmet, und alle, die außerhalb dessen schreiben, es nicht leicht haben, Leser zu finden. Umso übler finde ich es, dass dann von den Verlagen solche regelrechten Antikampagnen gefahren werden, als sei das Lesen von „Literatur“ nur etwas für Menschen, die mit einem Bein schon im Grab stehen und mit dem anderen nie die Wirklichkeit berührt haben.

  2. Ich fühle mit dir. Ich war zwar nicht auf der #lbm19, habe aber in meiner Twitter Timeline etliche Informationen bekommen. Es ist für mich erschreckend zu sehen, dass Uniformität (um ein anderes Wort zu vermeiden) bei Cover, Klappentext und wohl auch Inhalt das neue Lesen ist. Das dieses „Konzept“ offensichtlich mehrheitlich gefeiert wird. Die hauptsächliche Entschuldigung, nicht über den Mainstream-Tellerrand sehen zu wollen, ist fehlende Zeit oder mangelndes Potential. Je nachdem, ob man die Produktions- oder die Lesenden-Seite fragt. Nun denn. Gleichschritt hat ja auch etwas Beruhigendes.

    • Habe gerade den ersten – angepriesenen – Thriller von Bernard Minier gelesen, und der ist einfach nur Schrott. Seitenlanges Blabla über Landschaft und unglaubwürdige Gefühle, nichts greift ins andere, und eine haarsträubend dämliche Auflösung.
      Die „Bestseller“ von heute.
      Da gibt es noch einen, Anhem oder so ähnlich heißt er, der schreibt genauso langweilig – und wird ebenfalls gepusht.
      Mir geht es aber vor allem um das „gouvernantenhafte“ des norwegischen Buchmarkts. Da steht dann im Laden auch „Neverwhere“ von Neil Gaiman unter den Kinder- und Jugendbüchern, obwohl das nun definitiv kein Kinderbuch ist. Aber es hat ein sehr verspieltes Cover, und damit muss es ein Kinderbuch sein, denn „echte Leser“ interessieren sich ja nicht für Fantasy und so.
      Stattdessen will man sie mit grottenschlechten Zusammenfassungen im Beamtendeutsch für „Literatur“ begeistern.
      Das ist so von vorgestern.

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