Erik R. Andara: Im Garten Numen

Für manche Bücher lohnt es sich, abseits des Weges den finsteren Wald zu durchkämmen, und »Im Garten Numen« von Erik R. Andara gehört unzweifelhaft dazu. Der Debütroman ist gerade erst erschienen, in einer auf 150 Stück limitierten Auflage bei Nighttrain, und wie es das Schicksal wollte, war ich bei der Geburt zugegen und konnte eines der vorbestellbaren Exemplare ergattern, zu denen neben dem Roman selbst noch sechs Lesezeichen von sechs Künstlern gehören, die mich ab jetzt – über meinen niemals kleiner werdenden SuB verteilt – an ein außergewöhnliches Leseerlebnis erinnern werden.
Ätsch 😉
Aber zurück zum Buch.

Das Coverbild könnte passender nicht sein, mit seinen Blumenblättern in seltsam vergifteten Farben, um die Geschichte von Simon Heymann zu illustrieren, gescheiterter Ehemann und Vater, der ins abgelegene Waldviertel reist, um seine aus einer kirchlichen Einrichtung für Drogenabhängige verschwundene Tochter Katharina zu suchen. Sein Vorhaben gestaltet sich zäh, überall schlägt ihm eine rätselhafte Verschwiegenheit entgegen, falls er denn überhaupt einen Menschen auf der Straße trifft. Auch Kaplan Horak, Leiter der Einrichtung, rückt nicht mit der Sprache heraus, und lockt Simon so immer weiter in eine Finsternis hinein, mit der Simon nie wieder etwas zu tun haben wollte.
Glaubte er zumindest.

Da ich nur selten etwas im Horrorgenre lese, kann ich nicht wirklich beurteilen, ob die Geschichte an sich den geneigten Freundinnen und Freunden dieser Richtung der Phantastik zupasskommt. Mir kam einige Male »Schatten über Innsmouth« von H.P. Lovecraft in den Sinn – eine der wenigen mir geläufigen Referenzen – wo ebenfalls ein Mann als fremder Beobachter durch eine Stadt wandert, die ihn mit zunächst unerklärlichem Unbehagen und Furcht erfüllt. Andererseits ist das Thema »Unbekannter Ort, der sein Geheimnis erst nach und nach offenbart« im Horrorgenre aller Couleur eine wohlbekannte Ausgangslage – sogar mir – und die Frage ist im Grunde nur, was der Autor daraus macht.
Und was das angeht, hat Erik R. Andara bei mir den Nerv getroffen.

Simon Heymanns Isolation, sein bislang ziemlich verunglücktes Leben und das sich nähernde Grauen schlingen sich in präzise formulierten Sätzen umeinander, die einen wie im Rausch immer weiter tragen. Dabei gehen die ruhige, gelegentlich sogar altmodisch anmutende Erzählweise und moderne Begriffe und Dialoge eine Symbiose ein, die nie den Verdacht aufkommen lässt, hier würde einfach etwas kopiert, das sich – nach meiner bescheidenen Erfahrung – möglichst so lesen soll wie Leiber (»Hexenvolk«) oder Matheson (»Ich bin Legende«) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Stattdessen wehen da ein frischer Wind und ein ganz eigener Ton, nicht zuletzt auch aufgrund der Austriazismen, die für mich einen besonderen Reiz ausmachen, denn ich mag es sehr, wenn Autoren den Mut zur eigenen Sprache haben, auch wenn das Formulierungen umfasst, die mir nicht geläufig sind.

Weggelegt habe ich das Buch schließlich in der Gewissheit, dass ich einem Autor über die Schulter geblickt habe, dem man sich ohne Bedenken anvertrauen kann, und von dem ich bei der nächsten Gelegenheit mit Freuden noch mehr lesen werde. Von der Geschichte um Simon Heymann bleibt etwas zurück, das über »Mann geht nach A, erlebt B und endet bei C« hinausgeht. Eine Art luftiger Schatten, der einen dazu verführen möchte, die Geschichte gleich noch einmal zu lesen, um sich noch tiefer in das Geheimnis des Waldviertels und in Simons Verwirrung hineinziehen zu lassen, und dabei die wunderbare Sprache mit ihrem stetigen Hauch einer Anwesenheit des gleich um die Ecke lauernden Bösen ein zweites Mal zu genießen.

~

»Im Garten Numen« auf der Webseite von Nighttrain, mit Links zur Leseprobe und zu den Illustratoren der Lesezeichen.

Erik R. Andara: Am Fuße des Leuchtturms ist es dunkel – Erzählungen/Nighttrain.

»Magie in der Unterhaltungsliteratur« – lange, interessante Diskussion auf Youtube zwischen Erik R. Andara und Reicher&Stark für diejenigen, die es ganz genau wissen wollen und auf der Suche nach spannenden Büchern sind.

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