Joe Abercrombie: Klingen-Zyklus (1-3)

Ich gebe es zu, nach den ersten Seiten wollte ich den ersten Band gleich wieder weglegen. Der Einstieg ist mehr als nur ein bisschen ungemütlich. Ein sich rettender Nordmann, das geht ja noch. Ein bisschen sehr ruppig vielleicht, während man sich noch einliest. Aber Folter? Puh. Das geht wirklich an die Nieren.
Was mich bei der Stange hielt, war erst einmal Abercrombies umwerfender Erzählstil. Da weht nicht nur ein frischer Wind durch die Fantasywelt, das ist ein Orkan. Und dann kam dieser eine Satz, zum zweiten Mal, der mich vollends überzeugt hat:
»Klack, klick, Schmerz. Das war der Rhythmus seines Schritts.«
Damit war klar: Es geht nicht nur um eine möglichst originell geplottete Story, in der Hoffnung, damit die Fantasy-Gesättigten in den Bann zu ziehen, es geht vor allem auch um die Figuren. Und hier schreibt jemand, der Sprache ernst nimmt und weiß, wie man sie verwendet, auch auf die Gefahr hin, damit sämtliche Fans säuselnder Feen und schmucker Vampire zu vergrätzen.
Anschließend war es um mich geschehen, und ich habe alle drei Bände hintereinander weggelesen.

Was die Story selbst betrifft, so ist sie, wenn man sie auf den Kern zusammenschrumpft, nicht umfangreicher als andere Geschichten auch: Ein Reich wird bedroht und mit zweifelhaften Mitteln gerettet. Was sie so »groß« macht und so komplex, das ist die Konzentration auf die Charaktere. Auch jetzt noch, eine Woche nachdem ich den dritten Band beendet habe, reicht der Name einer Figur, und ich habe deren Geschichte vor Augen, gepaart mit der Sehnsucht, immer noch mehr von ihnen wissen zu wollen, und das passiert mir wirklich selten. Dabei habe ich nach und nach eine Entdeckung gemacht, die mich immer noch beschäftigt, und mich sicher auch in meinem eigenen Schreiben beeinflussen wird.

Man ist es ja gewöhnt, dass die für einen Roman wichtigen Figuren auch eine eigene Perspektive (POV) auf das Geschehen haben. Der Abenteurer, der mächtige König, der böse Magier – sie verfolgen alle ihre eigenen Ziele, und dementsprechend haben sie ihre eigenen Szenen, in denen man die Ereignisse durch ihre Augen verfolgt.
Aber was ist mit Figuren, ohne die der Plot zwar in sich zusammenfällt, deren Vorhandensein sich aber darin erschöpfen muss, Dreh- und Angelpunkt zu sein, weil sie sonst die Geschichte einfach sprengen würden?
Abercrombies Kniff, diese Schlüsselfiguren nur aus der Sicht der anderen darzustellen, gehört zum Interessantesten, was ich in der letzten Zeit gelesen habe.

Da ist zum Beispiel Bayaz, der Erste der Magi, ohne den es die ganze Story überhaupt nicht gäbe. Bayaz ist ein überheblicher, selbstgefälliger, unendlich mächtiger Mann, der seit Jahrhunderten die Fäden der Historie verwebt und überall seine Finger im Spiel hat. Hätte er einen eigenen POV, er wäre jemand, für den andere nur Steine auf seinem persönlichen Spielbrett sind, bedeutungslose Zwerge, die er nach Belieben manipuliert, und die Story läse sich vermutlich wie ein etwas anderes Tagebuch, in dem ein Gott notiert, wie sehr er die Menschheit verachtet.
Durch den Trick, diesen Bayaz nur mit den Augen der anderen zu betrachten, gelingt es zum einen, die Katze jeweils erst dann aus dem Sack zu lassen, wenn dadurch maximale Wirkung erzielt werden kann, und zum anderen wird er dadurch zum Kleister, der nicht nur die ganze Story zusammenhält, sondern auch sämtliche Figuren, die mit ihm zu tun haben.
Das ist so genial gemacht, dass mir tatsächlich erst ziemlich spät überhaupt aufgefallen ist, was für ein gigantisches Tableau sich dadurch entfalten kann – nicht nur im Hinblick auf die Story, sondern ebenso, was die Persönlichkeiten der Protagonisten betrifft.

Eine andere mir unvergessliche Schlüsselfigur ist Ardee, die das Schicksal von drei Hauptcharakteren miteinander verknüpft. Im Gegensatz zu Bayaz hat sie keinerlei Macht. Sie befindet sich aus gesellschaftlicher Sicht an einem Platz, der ihr nicht zusteht, und als Figur mit eigenem POV hätte sie das Zeug zur Hauptperson in einem ganz anderen Roman, der davon handelt, wie eine Frau sich selbst zu retten versucht.
Als nur indirekt auftretende Nebenfigur ist sie dieses entscheidende Moment, was die anderen Figuren glaubhaft macht und lebendig werden lässt. Sie bringt das Beste und das Schlechteste zum Vorschein und sorgt für den emotionalen Tiefgang, der im Klingen-Zyklus eine ebenso große Rolle spielt, wie die Geschichte selbst.

Wenn ich zurückschaue, stelle ich fest, dass es nur zwei wirklich traditionelle Hauptfiguren gibt, nämlich den unvergleichlichen Sand dan Glokta, der für immer einen Platz in meinem literarischen Figurenhimmel haben wird, und den mörderischen Logen, der mich gelegentlich an Conan den Barbaren erinnerte, weshalb ich ihn besonders mag. Alle anderen Figuren mit POV – Colleem West, der Hundsmann, Jezal dan Luthar und Ferro Maljinn – kreisen entweder um diese beiden, um das politische Geschehen, um Bayaz oder um Ardee.

Aber das ist natürlich nur der sehr vereinfachte Kern des Ganzen.
Wenn mich jemand bitten würde, die Geschichte im Detail zusammenzufassen, wäre ich rettungslos verloren.
Die ersten drei Bände des Klingen-Zyklus gehören schlicht und ergreifend mit zu dem besten, was ich jemals gelesen habe, und ich bereue keinen einzigen Euro, den ich dafür investieren musste.

Erhältlich z.B. bei Amazon: Joe Abercrombie/Kriegsklingen (Die Klingen-Romane 1)

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