Aufmerksamkeitsökonomie, Alter …

Seit dem 2. Januar klingelt der Wecker ziemlich häufig um 5:30 Uhr, um 6:45 springe ich in mein Auto, um 15:45 bin ich wieder zuhause. Die nachmittägliche Freizeit geht damit hin, im Sessel zu hängen und einzuschlafen, vergrätzt wieder zu sich zu kommen, wenn der Tag bereits gelaufen und wieder Nacht ist.

Zwischendurch checke ich Facebook und frage mich, ob ich wirklich meine Zeit damit verschwenden will, mich von Befindlichkeiten, Infoschnipseln und Hassgebrüll überschwemmen zu lassen.

Eine Weile war das große Thema die »Filterblase«, in der man sich bewegt, und die einen angeblich blind für die Komplexität der Welt macht. Schreckliche Sache. Anhänger abstruser Theorien wälzen sich ungestört in ihrem Wahn, bonbonfarbene Chicks tauschen Katzenvideos aus, Sittenwächter und Statistikfans zählen sich gegenseitig ihre Erbsen vor, Nerds verschwinden auf Nimmerwiedersehen in selbstgebastelten Universen. Die Zukunft ist eine von Zombies bevölkerte Welt, die immer mehr vom gleichen haben wollen, in der Hoffnung, in ihrer Traumwelt irgendwann zum Diktator aufsteigen zu können. Ganz gleich, ob man Schminke vertickt, Reiseziele anpreist, eine moralische Revolution predigt, Bücher bespricht oder Autobomben bastelt: Hauptsache, man ist King, Queen oder Quorz auf seiner eigenen, grenzdebilen Insel.

Ich habe viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, auf wen sich diese Befürchtungen beziehen, und kam zu dem Schluss: Es handelt sich nicht um wirkliche Menschen, sondern um eine aus mangelhaften Daten extrahierte Vorstellung. Die Welt des Internetgeschwafels lässt sich nicht einfach auf die Realität übertragen. Niemand ist – von Ausnahmen abgesehen – jenseits aller Zweifel nur von einem einzigen Gedanken beseelt und allzeit bereit, auf offener Straße jeden mit einer abweichenden Vorstellung sofort niederzuhauen.

Wir sind keine Zombies, die nur fressen wollen. Im wirklichen Leben haben wir Familien, Jobs, Beziehungen. Es gibt viele Dinge, die wir mögen. Manchmal werfen wir unsere Prinzipien über Bord und lassen Fünf gerade sein. Wir sind hilfsbereit und höflich, auch wenn es uns was kostet. Wir sind nicht nur von Menschen umgeben, die das Gleiche denken wie wir selbst. Wenn wir uns unterhalten, machen wir das in empathischer Interaktion und rufen nicht einfach das Erste hinaus, das uns gerade überkommt.

Je mehr Zeit ich als virtuelle Kunstfigur unter virtuellen Kunstfiguren verbringe, umso mehr wird die Welt zu einer Kakophonie egomanen Geschreis. Entweder geht es um belanglosen Quatsch, oder man springt sich nach fünf Sätzen gegenseitig an den virtuellen Hals.
Es macht mich zynisch.
Ich will nicht zynisch sein.
Das ist nicht das, was ich mir unter einem guten Leben vorstelle, ganz egal, ob mir an allen Ecken eingeredet werden soll, dass ich immer und überall Stellung beziehen, Buttons drücken und Contra geben muss.
Mir reichts.
Ich gehe.
Ich gehe leben.

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