Trostpflaster


Ich bin spät dran, als ich bei Frau V. klingele, und meine Synapsen sind immer noch dabei, eine neue Routine zu implantieren: Wann immer ich in Zukunft bei meinen Aufträgen etwas auf dem Herd entdecke, das nicht wie ein Topf aussieht, werde ich es entfernen. Hundert Prozent.

Erst vermutete ich, der komische Geruch käme von der Wärmepumpe, die ich gerade von uraltem Staub befreit hatte.
Zehn Minuten später explodierte der Rauchmelder im Wohnzimmer in schrillem Heulen.
Was zum …?
Eine Sekunde später ist mir klar: Ich bin dran! Sofort!
Der Mann im Sessel kann sich nämlich nicht bewegen.

War irgendwas mit der elektrischen Zahnbürste, die ich in den Lader gesteckt habe? Ich fliege in die Küche, und da hängen dichte Rauschwaden über dem Tisch. Aber im Raum dahinter, wo die Zahnbürste steht, ist es noch viel schlimmer. Ich renne hin und nehme einen tiefen Atemzug reine Chemie. Es brennt in der Lunge und mein Körper signalisiert mir: Flucht! Aber ich bin die Einzige, die hier irgendetwas ausrichten kann!
Ich reiße die Zahnbürste aus der Halterung, aber eigentlich ist mir schon klar, dass es das nicht gewesen ist.
Wo kommt der verdammte Qualm her!
Zurück in die Küche, ich drehe mich im Kreis.
„Was ist denn los?“, ruft der Mann vom Sessel her.
„Keine Ahnung!“, rufe ich zurück, und dann sehe ich endlich, dass die geblümte Wachsdecke Feuer gefangen hat! Der Herd ist an! Scheiße! Wieso liegt das Ding da überhaupt?
Weg damit, ab ins Waschbecken und Wasser drauf. Das war’s.

Inzwischen protestieren die Rauchmelder im ganzen Haus. Immer noch völlig in Fahrt, rupfe ich das kreischende Ding im Wohnzimmer von der Decke, und ruiniere die Aufhängung. Ich hätte drehen müssen, statt zu ziehen. Ist mir jetzt völlig egal. Raus mit den Batterien, in den Flur, da hängt der nächste (diesmal drehe ich), anschließend die Treppe hoch, da ist noch einer.
Stille.
Die Luft ist grau und stinkt nach allem, was krebserregend ist. Ich reiße alle Fenster auf, die ich aufbekomme. Meine Lunge fühlt sich an, als hätte ich hundert Zigaretten auf einmal geraucht.
„Du hast bestimmt beim Drüberwischen die Platte eingeschaltet“, schimpft der alte Mann.
„Nein“, sage ich. „Ich hab den Herd nicht angerührt. Vielleicht ist die Krankenschwester vorhin drangekommen. Die Platte stand auf der niedrigsten Stufe.“
Ich habe wirklich keinen Schimmer.

Ich wischte die Aschekrümel weg und eine halbe Stunde später hängen auch die Rauchmelder wieder an der Decke. Der im Wohnzimmer liegt auf dem Schrank. Jetzt muss ich erst mal im Büro Bescheid sagen, dass der Nächste hier später noch einmal lüftet, denn bevor ich gehe, muss alles wieder zugemacht werden, sonst wird es zu kalt. Sagt der Mann. In einem Tonfall, als wäre ich schon immer an allem schuld gewesen.
Jeder seiner Sätze hört sich so an.
„Er ist sehr fordernd“, hatte meine Chefin mich gewarnt.
Nette Umschreibung.

Ich fühle mich reif, nach Hause zu fahren.

„Hallo“, sage ich zu der Gegensprechanlage. „Hier ist die Haushaltshilfe.“
Ich war noch nie hier, aber in dieser neuen Wohnanlage sehen alle Treppenhäuser gleich aus. Eine zierliche Dame mit kurzen, grauen Haaren öffnet mir die Tür. Wir reichen uns die Hand und ich hänge meine Jacke über den Türgriff.
Ob ich vielleicht einen Kaffee möchte, fragt sie, auf dem Weg ins Wohnzimmer.
„Ja“, sage ich, ohne zu zögern und ganz ehrlich. Möchte ich.

Sie deutet einladend auf die hellgrün bezogenen Möbel und entschuldigt sich, dass die Tasse am Boden ein wenig kaffeebraun eingefärbt ist.
„Das macht nichts. Meine Tasse zu Hause sieht genauso aus.“
Wir lächeln, ich setze mich aufs Sofa, sie stellt einen Teller mit französischen Waffeln auf den Tisch.
„Man muss sich ja ab und zu mal etwas gönnen, so zu Ostern.“
Sie beißt in ihre Waffel, und ich in meine. Und obwohl ich noch ein halb gelutschtes Fishermans im Mund habe, schmeckt die Waffel durch.
Ich spüle mit Kaffee nach. Interessante Geschmackskombination.
„Außerdem habe ich Geburtstag“, fügt sie hinzu. „Ich werde am 2. April achtzig.“
„Oh“, sage ich. „Wirst du feiern?“
„Nein. Das haben wir schon letztes Wochenende gemacht.“ Sie lächelt zwar noch, aber traurig. „Meine Kinder sind über Ostern in den Bergen.“
„Das ist schade“, sage ich, und weiß, dass es in Wahrheit eine Katastrophe ist.

Sie deutet auf die Zeitung: ein doppelseitiger Bericht über den Kopiloten, der die Germanwings-Maschine in den Alpen hat abstürzen lassen.
„Ist das nicht schrecklich? Wie kann man hundertfünfzig Menschen mit sich in den Tod nehmen?“
Nach einer Weile landen wir zwangsweise bei Anders Behring Breivik.
„Hier!“, wundert sie sich. „In Norwegen!“
Ich erzähle ihr, dass die Mutter ihren Sohn nicht wollte. Das Gesetz, das einen Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche erlaubte, war gerade verabschiedet worden, aber noch nicht in Kraft. Und so wurde der ungeliebte Anders geboren.
„Als ich mein fünftes Kind bekam, war ich auch nicht gerade begeistert“, sagt sie. „Aber es wäre mir niemals eingefallen, das an dem Kind auszulassen.“
„Nein.“ Ich nicke. Bestimmt nicht. „Aber Wenche Breivik war krank.“
„Einer meiner Söhne ist schizophren, aber er war niemals gewalttätig.“
„Ich habe keine Ahnung, wie man das nennen kann, was Anders Behring Breivik ist“, sage ich.

„Ich bin übrigens Dänin.“ Sie lächelt verschmitzt.
„Ich bin Deutsche.“ Ich lächele zurück. Sie hat keinen Akzent. Ich schon.
Wir sehen uns in die Augen. Da ist kein Schatten, wie er oft bei den Norwegern vorbeihuscht, wenn sie erfahren, dass ich tysk bin.
Wir sind einfach zwei Zugereiste im Norden.
Sie ist mit siebzehn nach Tønsberg gekommen, und es war nicht geplant, dass sie sechzig Jahre bleiben würde. Sie lernte ihren Mann kennen, heiratete und bekam vier Söhne und eine Tochter. Die Tochter war gerade ein Jahr alt, als der Mann starb, völlig unerwartet.
„Das war hart.“ Sie sieht einen Moment sehr ernst aus. „Alleine mit fünf Kindern.“
„Das kann ich mir vorstellen.“
Wir kommen zurück auf den Piloten.
„Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass man sich umbringen will! Das löst doch keine Probleme!“
„Nein.“

Wenn ich nicht langsam mit meiner Arbeit anfange, schaffe ich sie nicht mehr.

Sie sagt mir, wo ich den Staubsauger finde und ich mache meinen Job. Besonders schmutzig ist es nicht. Sie schaut von der Zeitung hoch, als ich an ihr vorbei wische.
„Danke für das schöne Gespräch. Es ist manchmal etwas langweilig, wenn man einsam ist.“ Sie stockt und korrigiert sich. „Naja, nicht einsam. Aber alleine. Ich bin viel alleine, und das ist manchmal langweilig.“
Sie liest nur Krimis. Zwei davon liegen auf dem Esstisch. Der Teppich ist wunderschön rot und blau. Ich hab keine Lust zu gehen, aber ich muss.
Ich ziehe mir die Jacke an und reiche ihr die Hand.
„Danke für den Kaffee und die Waffeln.“
„Bitte.“ Sie lächelt zu mir hoch.
Ihre Hand ist warm und trocken und weich.
An der Tür ziehe ich mir die blauen Überschuhe aus und stopfe sie in den Blumentopf, der auf dem Boden steht.
„Ich wünsch dir einen schönen Geburtstag!“, rufe ich ihr noch zu.
„Ja“, sagt sie. „Ich kann sie ja verstehen. Aber ich werde achtzig. Da könnten sie doch kommen, oder?“
Ich nicke. Finde ich auch. Das ist was Besonderes.
„Ich hoffe, du hast es trotzdem schön“, versuche ich, sie zu trösten.
„Das wird schon“, sagt sie, nicht überzeugt.

Das wird schon.

Draußen auf dem Parkplatz durchweht mich ein langer Seufzer.

Menschen.


Copyright © 3/2015 Christine Ulrich

4 Gedanken zu „Trostpflaster

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