Der „neue Mensch“ zur Jahrtausendwende


Meine Recherchen über Transhumanismus tragen mich erstaunlicherweise nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit, und ich fühle mich wie auf einer archäologischen Exkursion zu den Anfängen privater Websites: Blinkende Ikonen, gekachelte Hintergründe, Aufbruchstimmung ins neue Jahrtausend …

Ich bin auf der Suche nach einer zeitlichen Dimension, um ein Gefühl für die Entwicklungsmöglichkeiten zu bekommen. Die Geschichte dreht sich um „Kryonik“ und „Unsterblichkeit“.

Wie stellten sich die „Nerds“ die Zukunft des Menschen vor?
Ich lande beim „Jahrestreffen der Extropianer“ im Jahre 1997.

Für diese Leute ist der heutige Mensch eine Fehlkonstruktion, deren Mängel man beseitigen muss. Allem voran – natürlich – die Sterblichkeit, der man mithilfe der Digitalisierung der Persönlichkeit und GenDesign auf der Basis von Nanotechnologie beikommen will.

Great ThinkersEin Link verweist auf einen „Cyborg-Test“, „bei dem jedermann feststellen kann, inwieweit er bereits funktioneller Cyborg ist“ – aber die Seite ist fort, stattdessen mache ich eine weitere Zeitreise und finde Alexander Chislenko, von dem der „Test“ stammt.

Der russische AI-Theoretiker litt an Depressionen und nahm sich 2000 das Leben. Jemand hat sich die Mühe gemacht, seine Site zu bewahren, und ich entdecke eine Liste mit „Great Thinkers“.

Stephen HawkingManche der Links funktionieren sogar noch, und ich stolpere über eine uralte Seite über Stephen Hawking (2003).

Mir fällt ein, dass ich mal eine CD mit einer virtuellen Version seiner „Kurzen Geschichte der Zeit“ hatte.
Der Stil der Animationen erinnerte an die Collagen von Monthy Python.

Einer der Redner von 1997 ist dort ebenfalls aufgeführt – Max More – dessen Website zum letzten Mal 2010 aufdatiert wurde. 2011 wurde er CEO bei der „ALCOR Life extension Foundation“, wo man sich nach dem Ableben in flüssigem Stickstoff einlagern lassen kann.

Eine kostspielige Form der Bestattung, die man sich in der Hoffnung leistet, irgendwann in ferner Zukunft aufgetaut, wiederbelebt und von Krankheiten oder Alter befreit werden zu können.

Cosmic TriggerUnd dann lande ich bei Robert Anton Wilson, der mit der Trilogie Illuminatus! und seinem Buch Cosmic Trigger in den Anfängen der 80er Jahre für Aufregung sorgte.

Ich habe sie immer noch im Regal stehen, nachdem ein Punk mit imponierendem Irokesenkamm sie mir im Zug nach Berlin im Jahre 1979 empfohlen hatte …

Wie immer am Anfang der Recherche wächst sich das Unternehmen zu einem sich unendlich verzweigenden Moloch aus.

Wenn es mir zu viel wird, mich in den Köpfen von Leuten aufzuhalten, für die der heutige Mensch nichts weiter ist als eine minderwertige Maschine, beschäftige ich mich mit den Schauplätzen meiner Geschichte, und fühle mich wieder etwas besser.

Salcantay

2 Gedanken zu „Der „neue Mensch“ zur Jahrtausendwende

    • Ich finde das immer ein wenig gruselig, wie man sich in diesen Kreisen nichts sehnlicher wünscht, als den Menschen bis auf die Grundbausteine auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen.
      Andererseits: Eine Welt ungeahnter Möglichkeiten und interessant, sich hineinzudenken.
      Wenn ich meine Form frei wählen könnte, würde ich wie ein Mensch aussehen wollen?

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