Lara und ich: wie alles begann.

Rot-weiß gestreifte MarkiseVenedig?
Ja. Kann schon sein.
Aber seit 1998 habe ich vor allem eine Assoziation beim Anblick solcher Markisen:
Tomb Raider II!

Damals konnte Lara sich noch nicht einmal ducken, und ihr Zopf erinnerte an schwarze Streichholzschachteln auf einer Schnur.

Bei unserem ersten Rendezvous wusste ich nur, dass man Lara mit den Pfeiltasten bewegen kann, und ein Begleitheft hatte meine Raubkopie nicht.

Das erste Mal

Meine alte CDElegant seilt Lara sich vom Hubschrauber aus ab, rutscht einen steilen Hang hinunter und rührt sich nicht mehr. Vorsichtig drücke ich die Taste mit dem Pfeil nach oben und schaue begeistert zu, wie sie auf eine Felswand zurennt und davorknallt.

„Ugh!“ macht sie, und reißt die Arme vor die Brust.

Ich drücke probeweise Alt und sie springt senkrecht nach oben. Mit der Spacebar kriege ich sie dazu, zwei Pistolen zu zücken. Ich drücke Ctrl, und sie fängt an zu ballern.

Plötzlich ein Gebrüll, da fällt auch schon ein Tiger über uns her. Vor Schreck erwische ich die Spacebar, und Lara steckt die Knarren weg.

Scheiße!

Lara ächzt und stöhnt, während der Tiger an ihr rumzerrt, aber schließlich ist sie frei und rast los.

Bis vor die nächste Felswand.

„Ugh!“

Ich kriege sie dazu, sich wieder zu bewaffnen, eine Sekunde später geht sie röchelnd in die Knie, fällt auf die Seite und ist tot.

Etwas zittrig wähle ich „New Game“.

Eingedenk der eben gemachten Erfahrung beschließen wir, uns als Erstes einen tigersicheren Platz zu suchen. Wir rennen einen Hang hinauf, stürzen über die Felskante und landen mit lautem Platsch in einem flachen Teich.

Als sich die Luftblasen verzogen haben, hängt Lara unter der Oberfläche, in der rechten oberen Bildecke erscheint ein blauer Balken, der sekündlich kürzer wird.

Ich drücke souverän die Vorwärtstaste und Lara senkt den Kopf zum Teichgrund hin. Ich nehme die Rückwärtstaste und Lara schaut nach oben.

Verdammt Mädel, schwimm!

Aber sie schwimmt nicht, egal was ich tue, und als der blaue Strich verschwunden ist, macht sie eine letzte krampfhafte Drehung, erschlafft und ist tot.

Das darf ja wohl nicht wahr sein!

Und noch einmal.

Am oberen Rand der steilen Felswand sehe ich eine Art Tempel.

Kein Zweifel, da müssen wir hin.

Wir laufen zum Teich, Lara watet ins Wasser – und schwimmt! Wir planschen ein bisschen, und schon taucht brüllend der Tiger wieder auf, kommt aber nicht weiter als bis zum Ufer.

Ich lasse Lara bei einem Durchgang im Felsen aus dem Wasser klettern und bewaffne sie. Aber es ist wirklich nur ein L-förmiger Spalt, der vor einer nicht sehr hohen Felswand endet.

Minimodel von Lara aus Papier

Mini-Papier-Lara

Wir rennen hin, ich drücke Alt, Lara springt hoch und kommt wieder runter.

Tja. Vielleicht mit Anlauf?

Ich lasse Lara rückwärts hopsen, wir rasen los, Lara macht einen riesigen Satz und kracht mit doppeltem „Ugh! Ugh!“  vor die Wand.

Nach dem zehnten Versuch sind wir immer noch nicht oben und der Tiger ist immer noch da (wir haben nachgesehen).

Okay … ich beschließe, Laras Haus zu besuchen.

Home, sweet home …

Laras Anwesen – oder Croft Manor – diente in fünf Spielen als Tutorial, und wurde immer mehr zu einem eigenen Level, mit eigenen Secrets, Umkleidemöglichkeiten für Frau Croft und ausgefeiltem Trainingsgerät.

In TR II wurde der Garten eröffnet, im 3. Teil der Quad-Parcours.

Laras Anwesen, TRII

Wir laufen an kastenförmigen Buchsbaum-Ornamenten vorbei zur Flügeltür der prächtigen Backsteinvilla. Daneben ist ein Schalter, halb so groß wie Laras Kopf.

Ich lasse sie davorknallen, und – o Wunder! – sie spricht: „To push the button, press the control-key.“

Yes!

Es quiekt in den Scharnieren, und wir finden uns in einer gigantischen Eingangshalle wieder.

Zwischen den beiden Riesentreppen, die nach oben führen, kommt uns Laras greiser Butler Winston entgegen, der sich von nun an stöhnend und mit klapperndem Tee-Tablett an unsere Fersen heftet.

Der Swimmingpool

Das einzige sichere Gewässer: Der Pool.

Wir zwängen uns an ihm vorbei, schalten auf dem Weg durch den Ballsaal die Musikanlage ein und entdecken das hauseigene Schwimmbad.

Äh … okay.

Wir springen rein.

„To dive and swim under water press the Alt-key.“

Ah!

Nach dem Baden geht‘s durch die Küche raus in den Garten und es kommt der Knaller in Sicht: Laras Trainingsbahn!

Wir hopsen, klettern und benutzen die Seilbahn, stürzen x Mal ab, und auf dem Weg zurück zum Anfang über den Butler zu springen, wird irgendwann ein Teil der Übung. Es erweist sich als nützlich, dass ich mal Klavier gespielt habe.

Winston der Butler

Winston, die alte Nervensäge! In TR III kann man ihn erschießen. Aber leider bleibt er nicht tot.

Besonders gut lässt sich hier ein Ritual studieren, das man später eine Million Mal wiederholen wird:

An einer Kante stehen bleiben, ausrichten, rückwärts hopsen, Anlauf, ALT!

Später lerne ich, dass man immer (!) speichern sollte, bevor man irgendwo hinspringt, und ich werde mich fragen, wieso die Tastatur statt der Alt-Taste nicht bereits ein Loch hat.

Nach drei absturzfreien Trainingsrunden fühlen wir uns auf alles vorbereitet, und wagen uns wieder in die die Wildnis.

Jetzt aber!

Nur weil wir es können, erschießen wir aus sicherer Höhe den Tiger, klettern ungestört weiter und entdecken etwas, das wie ein großes Gummibärchen aussieht.

Stirb! Dämlicher Tiger!

Bang – bang – bang – bang – bang – bang!

Als Lara es aufhebt, macht es „Dingelingeling“ – und ich benutze den Sound seitdem beim Start von Windows.

Pro Level gibt‘s ein grünes, ein silbernes und ein goldenes Bärchen (Drachen), und hat man sie alle gefunden, wird man mit einem Bonuslevel belohnt.

Wir erreichen glücklich den Tempel, der sich als Chinesische Mauer entpuppt (hätte ich schon vorher wissen können, wenn ich beim Intro nicht nur auf Lara geachtet hätte), und stürzen durch eine Falltür in die Tiefe.

Kaum haben wir uns zur Außentür vorgekämpft, wird Lara von Krähen angegriffen. Von jetzt an wird alles erschossen, was sich bewegt, und je weiter wir vordringen, umso feindlicher wird die Umgebung.

Giftige Spinnen seilen sich von der Decke ab, Geschosse fliegen aus den Wänden, der Boden bricht ein …
Eins der „Bärchen“ liegt in der Mitte eines Gangs, dessen Wände Lara zerquetschen, wenn sie nicht schnell genug weg ist. Sie kommt auf einer Rutsche angeschossen, knallt auf den Boden, muss sich das Ding schnappen, zur anderen Seite hechten und wieder rausklettern.

Es klappt gefühlte tausend Mal nicht.

Am Ende des Levels ist eine lange, tiefe Schlucht mit einer Seilbahn. Wir gleiten mutig hinüber, erledigen (weniger souverän) zwei Tiger und erreichen ziemlich lädiert eine Tür im Felsen.

Ende des Levels.

Endlich Venedig!

„Tomb Raider 2013“ hin oder her – das Venedig-Level mit der Episode in der Oper gehört zu meinen schönsten Spielerlebnissen.

Venedig

Vom Fenster aus kann man auf die Markise springen (sic!).

Durch die enge Gasse stürzt ein kläffender Dobermann auf uns zu, und hinter jeder Ecke lauern bis an die Zähne bewaffnete, üble Typen und mörderische Fallen.

Ich vergesse, wer und wo ich bin und verbringe Stunden an diesem magischen Ort.

Lara turnt in schwindelnder Höhe über Kronleuchter, rutscht in dunklen Schächten herum, meistert das Motorboot und wir kurven wild durch die Kanäle.

Zwölf Glockenschläge haben wir, um mit dem Boot die Oper zu erreichen.

Wir schießen mit Vollgas über eine Rampe hoch zu einer Brücke – Glas splittert, das Motorboot röhrt – und endlich erreichen wir rechtzeitig die Durchfahrt (weil wir klug genug waren, vorher die Unterwasserminen zu sprengen).

Nächstes Level …

Und wozu das Ganze?

Tomb Raider II (1997) ist eines meiner liebsten Spiele aus der Polygon-Ära, mit einer der besten Storys der ganzen Reihe (mein zweiter Platz geht an Legend, von 2006).

Ich weiß nicht, ob man heutzutage noch nachvollziehen kann, dass die nervtötende, hakelige, Disziplin und Übung erfordernde Steuerung ein Teil des Spiels war – und dass eine Spielumgebung, die so aussieht, als wäre sie in Stein gemeißelt, so viel Spaß machen kann.

Für mich war Tomb Raider II: Starring Lara Croft wie ein Wiedereintritt in die Kinderzeit, als ich noch mit der Phantasie in fremde Welten reiste, sagenhafte Schätze fand und imaginäre Feinde besiegte.

Und der Beginn einer großen Gamer-Liebe …

Lara auf dem Quadbike - PapiermodelManchmal, wenn mir nicht nach Geballer war, startete ich TR III, hopste mit Lara über die Trainingsbahn, trickste die Geheimtür zum Keller aus, tauchte nach dem Schlüssel zum Quad-Parcours und drehte Runden, bis sie sich den Hals brach.

Manchmal finde ich im Traum einen Schatz.

(Vielleicht sollte ich mal wieder Tomb Raider spielen 🙂 )


Lara macht HandstandDas Spiel (Tomb Raider 1-3) bekommt man bei www.gog.com.

Absolut alles über und zu Tomb Raider (einschließlich Savegames), kann man bei hagix.net erfahren.

Das Kartonmodel zum Selberbasteln mit Lara und Quad und andere, gibt’s bei: Ninjatoes’ papercraft webpage.


Das Original-Foto der Markise ist von www.cgtextures.com.
Alle anderen Bilder/Screenshots sind von mir, ebenso wie die Modelle (will sagen, ich habe sie zusammengeklebt).

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