Der fremde Bär

Meine Oma hatte eine Halbschwester mit Namen Hanni. Hanni war schwarzhaarig, sie rauchte und war mit Hans verheiratet. Zusammen hießen sie Hans und Hanni Haase.
Es gibt Fotos von mir und Hanni, auf denen ich neben ihr auf dem Sofa in der Stube meiner Oma sitze. Bei der richtigen Oma, deren Vornamen ich nur benutzen musste, um sie von der anderen zu unterscheiden. Sie hieß – der Vollständigkeit halber – Hermine und kam aus Böhmen, aus einem Städtchen namens Komotau. Bei ihr gab es zum Rotbarsch die leckerste Dillsoße der Welt, und sie machte tolle Knödel. Außerdem erklärte sie mir, wie die Vögel im Garten heißen, und ich verbrachte dort wunderbare Stunden im Kirschbaum.

Ständig gingen Leute in dem winzigen Haus ein und aus, das vor dem Krieg noch eine Laube gewesen war, und das mein Opa zu einem Haus ausgebaut hatte, in dem dann die ganze sechsköpfige Familie lebte.
Mutter Koch kam einmal wöchentlich zu Besuch, eine Dame über neunzig mit Hut und fast völlig taub, deren Mann vor Jahrzehnten erst sämtliches Geld verspielt hatte und sie dann verließ. Sie lebte in einer 1-Zimmer-Wohnung mit blitzblank gescheuertem Holzfußboden und Gemeinschaftsklo. Sobald mein Großvater sie im Garten hörte – wegen ihrer Taubheit sprach sie immer mit Ruflautstärke – schaltete er sein Hörgerät aus und tat so, als wäre er in die Zeitung vertieft.
Die beiden hassten sich, und sie sprachen nie miteinander, außer um sich gegenseitig zu versichern, dass der jeweils andere zuerst sterben würde.

Mittwochs trafen sich der nach einer Kriegsverletzung hinkende Herr Auge und der alte Lorenz von gegenüber mit meinem Opa zum Skat. Dann rauchten sie Zigarren, bis die Stube völlig verqualmt war, spielten um Viertelpfennige und knallten die Karten auf den Tisch, dass die Bude wackelte. Ich hatte strengstes Verbot, mich unter diesen Umständen in der Stube aufzuhalten, und ich schaffte es nur ein einziges Mal, mich unter dem Tisch zu verstecken, wo mich dann meine Oma nach fünf Minuten wieder hervorfischte und hinter sich her in die Küche zog.
Der alte Lorenz kam fast täglich vorbei. Es waren ja nur ein paar Schritte quer über die Straße, von seinem eigenen Garten, wo er in einem Eisenbahnwaggon wohnte. In meiner Erinnerung trug er nie etwas anderes als ein geripptes Unterhemd und Wollhosen mit Hosenträgern, zwischen denen sich sein enormer Bauch wölbte. Er rauchte immer eine stinkende Zigarre und war früher Schlachter gewesen, was ihn während und nach dem Krieg zu einem überaus beliebten Nachbarn machte. Meistens stand er nur gleich hinter der Pforte im Garten herum und kritisierte gewöhnlich das Obst, bevor er sich wieder auf den Heimweg machte.

Warum Hans und Hanni Haase einige Jahre hintereinander auftauchten, das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wo sie damals wohnten. Sie waren anders als die übrigen Gäste. Hanni hatte etwas Frivoles an sich, mit ihrer ungenierten Raucherei und ihrer Reibeisenstimme. Hans galt als Hallodri und brachte immer irgendwelches Zeugs mit, das er irgendwo aufgetrieben hatte. Einmal bekam ich von ihm einen Albinohamster geschenkt, mit dem ich dann anschließend für ein paar Monate auf Kriegsfuß stand, weil ich nicht wusste, dass Hamster es hassen, am Tag geweckt zu werden.
Ein anderes Mal kam er mit Spielzeug an, und auf diese Weise bekam ich einen zweiten Bären. Er war groß und steif und mit Sägemehl gefüllt, und er stürzte mich in einen unlösbaren Konflikt. Ich hatte schon einen Bären; mein ein und alles, der sich anschmiegsam herumtragen ließ, und dem meine Oma persönlich eine Schürze genäht hatte, die genauso war wie meine eigene.
Es war nicht möglich, das Geschenk abzulehnen. Also reiste der fremde Bär mit uns von Hamburg nach Düsseldorf, wo er dann zwischen meinen anderen Stofftieren auf dem Regal saß und anklagend um Liebe flehte. Ich nahm ihn ab und zu probeweise in den Arm, zog ihm einen Pullover an oder aus und setzte ihn wieder zurück, immer mit dem gleichen schlechten Gewissen und ohne dass sich das Problem gelöst hätte.

Eines Tages bekamen wir Besuch aus Braunschweig. Ein ehemaliger Kollege und Freund meines Vaters mit Frau und Sohn, die wir kurze Zeit zuvor ebenfalls besucht hatten. Sohn Sebastian war fünf, genauso alt wie ich, und es gibt ein Foto, auf dem wir spitze Papierhüte tragen und mit Ehrfurcht die Saiten der Konzertharfe seines Vaters zupfen, was wir ausnahmsweise erlaubt bekommen hatten, nach der gründlichen Kontrolle, ob unsere Hände frisch gewaschen waren.
Wieso wir diese Hüte trugen, daran kann ich mich nicht erinnern, aber der Besuch war nett und entspannt, obwohl Sebastian für mein Gefühl viel zu schüchtern war.
Nun erfolgte also der Rückbesuch, und es wurde ein ausgiebiger Spaziergang gemacht, in der Frühjahrssonne am Rhein entlang. Ich hatte zu dieser Zeit bei solchen Gelegenheiten immer meinen Bären dabei, und endlich auch jemanden gefunden, der sich des fremden Bären annehmen konnte; den bekam Sebastian in den Arm gedrückt.
Die ganze Familie übernachtete in unserer Wohnung, Sebastian schlief bei mir im Kinderzimmer. Aber er war erkältet und schniefte und hustete, und um fünf Uhr morgens war es mit der Nacht vorbei.

Wie wir – oder vermutlich eher ich – auf die Idee gekommen sind, dass der fremde Bär verarztet werden muss? Keine Ahnung. Ich legte ihn jedenfalls fürsorglich im Badezimmer ins Waschbecken, er wurde ausgiebig gebadet und anschließend unter Sebastians Protest mit dem letzten Rest Niveacreme verarztet, die eigentlich für Sebastians wunde Nase gedacht war; das Allheilmittel meiner Oma, das bei allem half, von Verbrennungen bis zur Erkältung, wenn man es nur dick genug auf die Brust strich.
Anschließend wog der Bär eine Tonne, da er sich mit Wasser vollgesogen hatte. Wir hievten ihn gemeinsam aus dem Waschbecken und trugen ihn wie einen gefallenen Soldaten zwischen uns in die Küche, wo ich ihn in den Mülleimer stopfte, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, ihn verschwinden lassen zu müssen.
Es passte so gerade eben rein.

Später fragte meine Mutter, was uns um Himmels willen geritten hätte, ihr wäre fast das Herz stehen geblieben, als sie den Mülleimer öffnete, weil sie dachte, da läge irgendein totes Tier.
Ich bezweifle, dass ich eine vernünftige Erklärung abgegeben habe.
Der Bär wanderte in die Tonne neben unserem Mietshaus.
Ich war ihn und das Problem los, und auf seinem imaginären Grabstein steht: Never loved, never forgotten.

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Bild: Familienarchiv.

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