Erik R. Andara: Hotel Kummer

Über ein Buch von Erik R. Andara Auskunft zu geben, ist wie das Schreiben eines kleinen Manuskripts: Ich haue alles raus, was mir im ersten Durchgang einfällt, um anschließend etwas daraus zu machen, das möglichst den Nagel trifft, wobei das meiste gelöscht und neu geschrieben wird.
Wie auch beim letzten Mal hadere ich damit, nicht i hytt og vær¹ Referenzen zitieren zu können, aber vermutlich ist mein mangelnder Ehrgeiz diesbezüglich die bessere Alternative, sonst schriebe ich noch in fünf Jahren an diesem Text und würde niemals fertig.
Ich werde mich einfach damit abfinden, nicht darauf hinweisen zu können, wo genau das, was an Andaras Geschichten möglicherweise »Horror«, »Psycho«, »Weird« oder sonst was ist, an die einschlägigen Genres andockt.
Stattdessen werde ich einfach feststellen, dass die Geschichten in Hotel Kummer gruselig, monströs, liebevoll und abgefahren sind – und sehr elegant erzählt.

Ich liebe Andaras wunderbar musikalische Erzählstimme und seinen unaufgeregten, eindringlichen Stil. Es gelingt ihm, mich in die Geschichte hinein, hindurch und bis zum Ende zu ziehen, und ich habe es noch nie erlebt, dass das, was er am Anfang verspricht, nicht am Ende auch gehalten würde.
Dabei fordert er mich heraus, denn seine Geschichten machen es mir nicht leicht. Es tun sich weite Räume auf, die ich nicht immer sofort überblicke, und manche werde ich mehrfach bereisen müssen, bevor sie ihr Geheimnis preisgeben.
Aber das macht mir nichts. Ich vertraue dem Autor. Erik R. Andara schreibt nichts Zufälliges, oder nur um des Effektes Willen, und wenn ich manche Geschichten ein zweites oder auch ein drittes Mal gelesen habe, werde ich schon hinter das Geheimnis kommen.
Nichts ist besser als ein Autor mit Wiederlesqualitäten.

Zu den Erzählungen selbst möchte ich mich im Einzelnen nicht äußern, ich mag selbst auch keine Rezensionen, die mir den Inhalt um die Ohren hauen. Nur so viel allgemein: Sie beginnen mittendrin. Es gibt keinen Anlauf, kein schrittweises Hinübergleiten aus unserer Normalität in das Jenseitige und Fremde, außer bis zu einem gewissen Grad in der ersten. In den anderen ist das Jenseitige und Fremde die Normalität, in und mit der die Protagonistinnen leben, bis die Geschichte auch dort die Kulissen auseinanderschiebt, und sich ein noch tieferer Abgrund auftut.

Das einzige, womit ich an dem Buch nicht so richtig konform gehe, ist das Nachwort von Rudolf M. Berger – aber immerhin habe ich dadurch die Gelegenheit, zu widersprechen:
Wenn »Das Schöne« das wäre, was der Durchschnittsmensch dafür hält, würde niemand sich darüber Gedanken machen – und ein Schauspieler zeigt natürlich nicht einfach das, was schon da ist, sondern lässt eine Idee – wie jeder andere Künstler auch – durch seine Interpretation neu erstehen und macht sie aufs Neue erfahrbar.
Gerade ein Schriftsteller spinnt seine Geschichten nicht aus dem luftleeren Raum. Er ist der Gott seiner eigenen Schöpfung, das ist wahr, aber nicht der Erschaffer einer ganz neuen Welt. Stattdessen hat er gelernt, weit zu blicken und Schätze dort zu heben, wo das Graben besonderen Mut erfordert.
Wenn er gut ist.
Erik R. Andara ist gut, und seine Geschichten atmen – von irgendwo im Dunkeln her – den Geist uralter Ideen und Vorstellungen; und sie sind wunderschön.

Erik R. Andara: Hotel Kummer/ Nighttrain
Auf 150 Stück limitierte Auflage, Anfragen hier
Kurze Leseprobe auf der Seite des Verlags

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¹) Ein norwegischer Ausdruck, der »ins Blaue hinein« bedeutet, und immer dann verwendet wird – gerne ironisch – wenn man andeuten möchte, dass jemand sich hoffnungslos verzettelt.
Es gibt auch die Variante »svare bort i hytt og vær«, die sich auf sinnloses Geschwafel bezieht.
»Vær« bedeutet »Wetter«, und ich sehe immer jemanden mit gesträubten Haaren vor mir, der im Orkan versucht, Mücken mit der bloßen Hand zu fangen.
»Hytt« ist vermutlich Hytte/Hütte, aber da ist es auch nicht besser.
Ich liebe den Ausdruck sehr.

Ein Gedanke zu „Erik R. Andara: Hotel Kummer

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