Des toten Mannes Ring

Es gibt zu allem eine Geschichte, und neineinein ich halt mich jetzt zurück und zitiere nicht schon wieder Eichendorffs schlafloses Lied, das ist inzwischen mindestens so ohrwurmig wie Last Christmas.
Stattdessen also die Geschichte:

Es war einmal ein Norweger, der sich nach der süßen Seite des Lebens sehnte und nach Portugal zog. Er wohnte großzügig von einer Frührente, trank und rauchte und genoss sein Dasein, bis es ihn ankam, einmal wieder die Heimat zu bereisen.
Dort angekommen befiel ihn ein Unwohlsein, und er suchte einen Arzt auf, der ihn gründlich examinierte und ihm anschließend tief in die Augen sah.
»Mein Herr«, sagte der Arzt mit ernster Stimme, »wisse, dass eine Leber nicht ewig hält, wenn man ihr nicht ab und zu eine Pause gönnt.«
Daraufhin hörte der Norweger auf die Stimme der Vernunft, kehrte vollends in die Heimat zurück und begab sich in die Hände des Fachpersonals.
Er schaffte sich einen riesigen Hund an, der seinen Herrn mit einer Engelsgeduld auf den sehr langsamen Spaziergängen begleitete. Er sammelte Antiquitäten, die jeden Winkel seiner kleinen Wohnung füllten. Ein hölzerner Globus auf einem Stativ; mindestens zwanzig Reproduktionen von heimeligen Landschaften mit einem Touch Wildnis, wie sie in Norwegen über jedem zweiten Sofa hängen – wegen der Rahmen, wie er sagte, sie standen alle neben seinem Bett, aber es wären sowieso nicht genug Wände dafür dagewesen; eine kupferne Milchkanne; aus den alten Zeiten verkitschte Indianerfiguren, häufig in Begleitung eines Adlers, und sei es in Form einer Feder; Tüten mit Krimskrams und altem Schmuck.

Komm mal her, sagte er irgendwann und zog einen Armreif aus der neuesten Tüte. Er legte ihn mir um, aber der Reif war zu schmal, woraufhin er weiterkramte und einen Ring fand, der wie dafür geschaffen auf meinen Daumen glitt. Ein Daumenring! Eine dieser Ideen a la hätte ich eigentlich gerne endlich mal!
Er suchte noch weiter, aber ich entschied, dass ich schon genug hatte.
Wie komme ich zu der Ehre, fragte ich.
Nur so, sagte er. Ich schenke einfach gerne Leuten was.
Na denn.
Ich trug den Ring im letzten November beim NaNoWriMo, und er hatte einen überaus positiven Einfluss auf meinen Text. Auch das Autofahren ist damit viel cooler, und der Winter kann einem weniger anhaben.
Die Monate vergingen, der Ring und ich wurden gute Freunde.

Dem Norweger ging es derweil zusehends schlechter, was ihn mehr zu verärgern, als zu besorgen schien. Irgendwann war auch im Büro unserer Abteilung klar, dass ich die Einzige war, die er bei sich Putzen lassen wollte, weil ich – seiner Erfahrung nach – die Einzige war, die mit seinem Hund zurechtkam. Wenn er darüber lamentierte, wie andere auf das Tier reagierten, konnte er ziemlich rassistisch werden, und ich war jedes Mal im Zwiespalt, ob ich die Grenze des professionellen Kontakts hinter mir lassen und ihm dafür die rote Karte zeigen sollte, aber letztlich habe ich es nie gemacht, weil ich mir nicht sicher bin, ob eine Rüge der richtige Weg ist, und weil ich die Erwähnung von positiven Erfahrungen für die bessere Alternative halte.
Dann erlitt er eine Art Koma, und der Hund kam für eine Weile zum Bruder in Pension, dann wieder zurück, und schließlich zog er ganz um, weil sein Herr kaum noch laufen konnte.

Er sah schlecht aus. Schmal im Gesicht, aber mit einem enormen Bauch, an manchen Tagen winterbleich, obwohl es mitten im Sommer war. Er fühlte sich schlapp und bekam eine Haltestange in die Wohnung montiert, damit er sich irgendwo hochziehen konnte, falls er hinfallen sollte. Das war ihm einmal passiert, und da musste er erst Hilfe herbeirufen, ehe er wieder auf die Beine kam.
Sein nächster Plan war, im August in eine andere Wohnung umzuziehen, näher zu seinem behandelnden Arzt. Auf dem Chaiselongue-Teil seines Sofas stapelten sich die Medikamente, in der Küche standen Flaschen mit Lebermedizin.

Das letzte Mal, als ich beim ihm Putzen sollte, klingelte ich vergeblich. Er machte nicht auf und antwortete nicht am Telefon. Ich spähte durchs Fenster und sah einen Stuhl, wo vorher keiner gestanden hatte. Aha, dachte ich. Umzugsvorbereitungen. Irgendwas ist dazwischengekommen, und er hat vergessen, Bescheid zu sagen. Passiert den Besten.
Fünf Tage später hatte meine Arbeitsliste einen unerwarteten zweiten Teil, einen Ausschnitt aus dem medizinischen Journal, den wir normalerweise nie ausgedruckt zu sehen bekommen: K.A.W., gestorben 19.07.2020 – oder zumindest war das der Tag, an dem er gefunden worden war.
Er hatte, infolge meiner Kollegen, offenbar eine ganze Weile in seiner Wohnung gelegen, bis sein Nachbar – sein Erzfeind! – eine Meldung bei der Polizei eingereicht hatte, dass er ihn besorgniserregend lange nicht mehr gesehen hätte.
Als ich bei ihm klingelte, um seine Wohnung zu putzen, war er schon seit fast vier Wochen tot, und möglicherweise bin ich die letzte, die ihn lebend gesehen hat.
Er wurde 63.

R.I.P – und danke für den Ring.

4 Gedanken zu „Des toten Mannes Ring

  1. Ach Christine… wie wunderbar und traurig. Das reisst grad alte Wunden auf. Ein Nachbar von mir starb und lag monatelang in der Wohnung. Wir kamen eigentlich gut klar. Ich schaute nicht nach, weil er Kinder und Enkel hatte. Niemand von ihnen hatte sich gekümmert. Ich hätte es können, hätte ich doch nur auf mein flaues Gefühl gehört.

    • Ja, so etwas Ähnliches ging mir auch durch den Kopf, ob ich nicht einfach zu schnell nach einer Begründung gesucht habe, die es mir erspart, mich weiter zu involvieren. Immerhin hatte er einen Bruder, und umziehen wollte er auch … aber der Gedanke, dass ich einfach nur ein bisschen weniger _beschäftigt_ hätte sein sollen, plagt mich schon.
      Ich werde mich das merken, falls ich noch einmal in so eine Situation komme.

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