»Observation«

»Kammerspiel im Weltraum« nannte ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung das Game, und das war dann auch der Grund, warum ich »Observation« noch am gleichen Nachmittag installiert habe: Ich bin immer auf der Suche nach SF-Spielen, die Weltraumfeeling vermitteln, ohne dass man dafür hektisch Raumschiffe abschießen muss.
Außerdem klang die Besprechung geradezu euphorisch.
So viel vorab: Das Spiel hat meine Erwartungen an einen »Walking Simulator« übertroffen und ist gleichzeitig huddeliger Murks.

Am Grundgerüst der Story ist nichts besonders überraschend: Eine Raumstation im Orbit der Erde gerät in Schwierigkeiten und befindet sich plötzlich an einem anderen Ort. Bei Reparaturarbeiten findet man über Laptops und an die Wand gepinnte Dokumente Hinweise auf eine geheime Mission, was ohne spektakuläres Brimborium das Geschehen in kosmische Dimensionen entrückt.
Der originelle Twist daran: Man spielt in der 1. Person die Stations-KI »Sam«, die ihre Befehle von der einzigen Überlebenden des Unfalls erhält.

Das ist erst einmal gewöhnungsbedürftig, wenn die KI zu Beginn als Kamera an der Wand klebt, wo man doch losstürmen möchte, um die Station zu erkunden. Stattdessen muss man sich von Dr. Emma Fisher zutexten lassen, die damit beschäftigt ist, die Basisfunktionen der KI zu reaktivieren. Sobald das allerdings erledigt ist, kann man sich über »Sams« HUD mit sämtlichen Kameras der Station verbinden und auf diese Weise bewegen.
Und ab diesem Moment ist man im Weltraum, in einer nach einem Unfall aufgrund unbekannter Ursache verlassenen Station. Kojen befinden sich kopfunter an der Wand. Werkzeug schwebt reglos im Raum. Laptops zeugen von wissenschaftlicher Arbeit. Nirgendwo ein Mensch.
Wo ist oben, wo ist unten? Wo sind Anfang und Ende des Moduls? Wo bin ich nach dem Wechsel in eine andere Kamera innerhalb desselben Raums?
Diese Dimensionsverwirrung ist genial gut umgesetzt und wird später im Spiel noch getoppt, wenn die KI sich in einer frei beweglichen Kugel befindet und auf Außenmission unterwegs ist. Das Gefühl von drohendem Nichts, sollte man die Station aus dem Blick verlieren, ist atemberaubend, ebenso wie die Sorge, dass man die Luke, durch die man nach draußen gelangt ist, niemals wiederfinden wird.

Einen wesentlichen Anteil an der »Weltraumwirkung« hat die Steuerung der Kugel. Die ist – bis man sich damit eingerichtet hat, dass »Observation« ein Spiel fürs »Gucken« ist, nicht fürs »Machen« – unsäglich schwammig, verzögert und viel zu schnell. Ich habe es nach wenigen Versuchen aufgegeben, mit Maus und Tastatur steuern zu wollen, und nur noch die Tastatur benutzt. Es gibt keine Zeitlimits, und irgendwann ist man mit genug Wänden kollidiert und es reicht mit der Verwirrung, wenn man nach einem Rundblick in Schräglage geraten ist, und keinen Schimmer mehr hat, durch welche Schleuse man gekommen ist und wo man hinwollte.
Außerdem habe ich die Bewegungsunschärfe abgestellt, und nachdem ich mich insgesamt beruhigt hatte – jenseits des Drangs, zackzack alle Jobs erledigen zu wollen – ließ auch der Eindruck nach, dass mir gleich die Augäpfel auf den Tisch rollen (nach der ersten halben Stunde mit der Kugel war mir wirklich schwindelig).

Würden die Reparaturen und Aufträge, die KI »Sam« erledigen muss, in einem weniger atmosphärisch dichten Rahmen stattfinden, würde man das Spiel nach einer Stunde wegzappen und nie wieder angucken. Die sind nämlich im Kern einfach nur simpel und wiederholend. »Sam« verbindet sich mit Laptops, scannt Dokumente, findet Codes und justiert Einstellungen. Unnötig kompliziert wird das nur dadurch, dass man ziemlich häufig nicht wirklich weiß, was genau man wie »beklicken« muss. Es gibt kaum Erklärungen, und im HUD steht über den Auftrag oft nur die Hälfte von dem, was Dr. Fisher vorab erklärt hat.
Besonders nervig fand ich es, dass es möglich ist, Schritt 2 vor Schritt 1 zu erledigen, um dann festzustellen, dass aus unbekannten Gründen Schritt 3 nicht funktioniert. Einerseits ist der Grundgedanke nicht schlecht, dass ich genauso doof bin, wie die lädierte KI, andererseits denke und entscheide ich als Spielerin natürlich trotzdem selbst – KI hin oder her – und auf solche Eventualitäten nimmt das Spiel keinerlei Rücksicht.
Ich musste jedenfalls erst herumgooglen und Youtube bemühen, um zu kapieren, dass »R« eine der wichtigsten Tasten ist, weil sie »Sam« die Möglichkeit gibt, etwas zu melden, und das sollte man unbedingt tun, weil es sonst eben irgendwann nicht mehr weitergeht, ohne dass man versteht, warum.

Was die Art und Weise betrifft, wie die Story erzählt wird, ist manches völlig klar, anderes bleibt für mich rätselhaft, auch nachdem ich das Spiel beendet habe.
Das liegt sicher an der Perspektive als KI, hat aber auch etwas mit den deutschen Untertiteln zu tun, die – wenn ich mich nicht verguckt habe – teilweise sogar fehlen. Andere werden viel zu kurz eingeblendet, als dass man sie aufnehmen könnte, während man gleichzeitig versucht, mitzubekommen, was einem gezeigt wird. Das liegt natürlich in gewisser Weise in der Natur der Sache, wenn es sich um Videosequenzen handelt, aber leider entging mir so auch das Wesentliche, als die Ereignisse in einen Zusammenhang gebracht wurden.
Vielleicht sind andere Spieler da schneller.
Es wäre trotzdem schön gewesen, wenn man sich für manches mehr Zeit genommen hätte.
Bei anderen Videosequenzen braucht man wiederum Geduld und fragt sich, ob das Spiel gecrasht ist, weil gefühlt wirklich lange gar nichts passiert.

Was die gefundenen und im HUD gespeicherten Daten angeht, sind sie nur als Punkte markiert. Es erscheint zwar beim Markieren des Punkts ein Titel, aber es ist mühselig, etwas wiederzufinden. Irgendwann stellt man zwar fest, dass man die Daten nicht zwingend braucht – was wesentlich ist, wird beim Lösen eines Rätsels im Kontext zur Verfügung gestellt – aber besonders, nachdem mir sozusagen die Auflösung des Gesamträtsels irgendwie entgangen war, hätte ich gerne geschaut, ob ich vielleicht in den einzelnen Daten etwas übersehen habe, das die Sache erhellt.

Das Speichern passiert ausschließlich automatisch, und neues Laden wirft einen wieder an den Punkt zurück, wo man den letzten Auftrag bekommen hat, was uU bedeutet, dass man sich noch einmal mit der Kugel durch die Module suchen muss, nachdem man endlich den Weg gefunden hatte. Außerdem sind Laptops, deren Daten man vor dem Neuladen bereits geborgen hat, nicht als »erledigt« gekennzeichnet. Man verbindet sich hoffnungsvoll, um dann die Meldung zu erhalten: »Daten geborgen«.

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wo man die Kugel positionieren muss, um zb der Aufforderung nachzukommen, für Licht zu sorgen, und dadurch die nächste Szene auszulösen. Das ist angesichts der Tatsache, wie viel Fingerspitzengefühl und Geduld man bei der Steuerung braucht, ziemlich nervig.

All diese Macken hätte ich bei einem anderen Spiel nicht toleriert und es vorzeitig beendet. Wer ein herausforderndes Rätselspiel erwartet, wird sicher enttäuscht sein, und wem holperfreies Spiel besonders wichtig ist, auch. Da hätte man vieles besser machen können. Aber »Observation« ist visuell so überwältigend, dass man es unbedingt spielen sollte, wenn einem mal so richtig nach »Weltraum« ist.
Hinterher kann man sagen: Ich war dort.
🙂

Das Spiel gibt es bei Epic Games, laut Webseite ist es für Spieler unter 18 nicht geeignet.
Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung.
Bild: Screenshot

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