herbstwarm

»Guck dir mal die Alte an!«
Wir sind zu fünft. Peter, Marion, Eddie, Soy und ich. Eddie sitzt auf der Holzbank am Fenster, hat sich halb umgedreht und zeigt hinaus auf die Straße.
»Was macht die denn da?«, fragt Soy. »Spinnt die?«
Er hebt sein leeres Bierglas und signalisiert damit dem Kellner über Stevie Ray Vaughans wummernden Texasblues hinweg, dass er ein Neues haben will. Marion und Peter knutschen und interessieren sich nicht für die Frau auf den Straßenbahnschienen. Ich stehe von meinem Stuhl auf und knie mich neben Eddie auf die Bank.
Die Scheiben unserer Stammkneipe waren noch nie sauber und die verrauchte Lichtinsel auf dem Holztisch hinter mir macht es zusätzlich schwierig, etwas zu erkennen. Ich schiebe mein Gesicht näher ans Fenster.
Die Frau da draußen hat ohne Zweifel einen in der Krone. Sie taumelt und stolpert mitten auf der Straße auf den Schienen herum und winkt mit weißen Armen.
»Sie hat beide Arme in Gips«, informiere ich Eddie, der das mit Sicherheit schon selbst entdeckt hat, aber im Gegensatz zu mir darauf verzichtet, es zu kommentieren. »Kennst du sie?«
»Keine Ahnung.« Er trinkt einen Schluck Bier, wendet sich vom Fenster ab und an Soy. »Lust auf Billard?«
»Klar.« Soy zeigt mit dem Daumen in Richtung Tresen, wo der Kellner sich das Tablett füllen lässt. »Gleich.«
Stevie ist mit Superstition durch, der Plattenmensch macht mit Manfred Mann weiter. »Blinded by the Light«. Auch gut.
Ich schiebe mich von der Holzbank runter.
»Ich geh mal raus.«
»Wieso?«
»Wie, wieso?« Manchmal macht Eddie mich fassungslos. »Ganz egal, was die Frau da draußen treibt, irgendwann kommt die nächste Straßenbahn, und dann sollte sie da nicht mehr rumstehen.«
Eddie zuckt mit den Achseln und steht auf.
»Wenn du meinst, dass du das musst.«
Der Kellner kommt mit dem nächsten Bier, Soy hält ihm den Deckel hin und lässt sich einen weiteren Strich auf den Rand malen.
»Auf geht’s«, ruft er, versetzt der zerbeulten grünen Lampe über dem Tisch einen Schlag, und sie taumelt wild hin und her.
»Mach keinen Scheiß«, sagt Eddie zu mir, und die beiden drängen sich zum Hinterraum durch.
Ich tippe Peter auf die Schulter und bitte ihn und Marion, auf mein halbvolles Glas aufzupassen, ziehe mir meine blaue Lederjacke über und gehe nach draußen.
Es nieselt. Die Nacht ist herbstwarm und klebrig, gelbe Straßenlichter spiegeln sich auf dem nassen Kopfsteinpflaster in der Mitte der Straße, wo die Schienen verlaufen.
Die Frau hat die eingegipsten Arme gehoben, als würde sie irgendwelche Himmelsmächte anflehen. Ich gehe zu ihr hin.
»Hey«, sage ich.
Sie schaut an mir vorbei und schwankt.
»Alles ok mit dir?«
Ihre Klamotten sind nichts Besonderes, keine Ahnung, wie alt sie ist. Fünfunddreißig vielleicht. Ihr langes Haar ist strähnig und sie riecht nach Schnaps.
»Du solltest von der Straße gehen, die Bahn kommt gleich.«
»Is’ mir egal«, murmelt sie. »Ich will nich’ mehr leben.«
Oh. Ok. Hm.
Ich schaue die dunkle Straße hinunter, und man kann das Licht der Straßenbahn bereits sehen. Die Schienen quietschen.
»Hör mal«, sage ich. »Komm erst mal von der Straße runter, dann reden wir.«
Sie schüttelt den Kopf und gerät dabei aus dem Gleichgewicht. Außerdem entdeckt sie das Licht der Bahn und setzt sich wankend und winkend in Bewegung.
Ich gehe ihr hinterher.
»Der sieht dich doch und wird dich ganz sicher nicht absichtlich überfahren.«
»Is’ mir egal«, wiederholt sie mit der Sturheit der Besoffenen.
Die Straßenbahn klingelt und wird langsamer.
»Sag ich doch.« Ich berühre sie vorsichtig an der Schulter. »Jetzt komm mit.«
Die Frau zögert und bleibt schließlich stehen. Die Straßenbahn auch, direkt vor ihr, zehn Meter vor der Haltestelle an der Kneipe. Die Frau hebt die eingegipsten Arme und fängt an zu weinen.
Da ich sie schlecht am Arm festhalten oder an die Hand nehmen kann, fasse ich ihr mit beiden Händen um die Hüften und schiebe sie in Richtung Bürgersteig. Sie wehrt sich nicht. Die Straßenbahn klingelt noch einmal und fährt die letzten Meter bis zur Haltestelle. Hinter dem hell erleuchteten Kneipenfenster kann ich Eddie und Soy beim Billard sehen. Eddie entdeckt mich ebenfalls und winkt mir zu, dass ich wieder reinkommen soll. Ja, ja. Ich nicke und mache eine Geste, dass ich ihn verstanden habe.
Die Frau steht neben mir wie ein Häufchen Elend mit nassen Haaren und verheulten Augen. Aus der Straßenbahn steigen nur zwei Leute aus, die im Nieselregen an uns vorbeihasten, ohne uns zu beachten.
»Kann ich dich irgendwo hinbringen?« Ich versuche, ihren Blick einzufangen, aber der ist dafür zu unstet. »Wohnst du hier in der Gegend?«
Sie nickt.
»Soll ich mitkommen?«
Sie nickt wieder und wankt ohne ein weiteres Wort los. Ich bin mir nicht sicher, ob sie meine Hilfe wirklich braucht, aber andererseits habe ich das hier nun angefangen, also muss ich es auch zu Ende bringen.
Das Haus ist ganz in der Nähe, gleich auf der anderen Straßenseite gegenüber der Kneipe. Einen Schlüssel hat sie nicht, sie klingelt irgendwo und es dauert eine ganze Weile, bis der Türöffner summt. Ein riesiges Treppenhaus tut sich auf. Abgewetzte weiße Fliesen im Eingang, ramponierte Briefkästen, breite dunkelbraune Treppe mit speckig glänzendem Geländer.
Wir machen uns an den langsamen Aufstieg. Die Wohnung ist ganz oben im fünften Stock und die Tür steht offen. Drinnen hocken drei Kerle um einen Tisch mit zwei Schnapsflaschen in der Mitte. Kippen qualmen, die Aschenbecher quellen über. Die Frau setzt sich einfach auf den letzten freien Stuhl und lässt sich ein schmutziges Glas füllen. Anscheinend haben sich ihre Probleme erledigt.
»Willste auch was?«, fragt mich einer von den Dreien, ein Typ mit vergilbtem Schnurrbart. »Dann hol dir ein Glas.«
Er zeigt nach nebenan, offenbar die Küche. Ganz und gar in Sepiabraun, jeder Quadratzentimeter ist zugestellt. Versiffte Schüsseln, schwarz verschmierte Kaffeebecher, halb geleerte und verschimmelte Dosen, in denen angelaufene Gabeln stecken. Auf und unter dem Küchentisch steht ein ganzes Bataillon leerer Schnapsflaschen. Überall stehen Flaschen. Das Waschbecken ist vollgestapelt mit dreckigem Geschirr, obenauf liegt ein zusammengeknüllter Lappen, mit dem ich nicht mal ums Klo wischen würde. Der Hängeschrank darüber hat nur eine Tür, die Regale sind überzogen mit einer Schicht Küchenmief, in dem ein paar Gläser kleben.
Ich nehme mir den Hocker, der neben der Tür steht, und gehe zurück zum Tisch.
»Nein, danke«, sage ich und setze mich dazu. Die Luft ist stickig und stinkt und ich weiß nicht so recht, warum ich nicht einfach gehe. Die Kerle beachten mich überhaupt nicht. Sie reden abwechselnd mit der Frau, helfen ihr beim Trinken und saufen selber.
Es klingelt. Nach dem zweiten Mal stemmt sich der Typ mit dem Schnurrbart hoch und geht zur Tür, ohne zu schwanken. Ich sitze da wie ein blödes Schaf, auf seltsame Weise an den Hocker genagelt. Meine erste persönliche Begegnung mit Diktator Alkohol. Im Treppenhaus sind Stimmen zu hören, die schnell näherkommen. Bekannte Stimmen. Dann steht Eddie in der Tür und hinter ihm bauen sich Soy, Peter und Marion auf.
Eddie wirft nur einen kurzen Blick auf den Tisch.
»Wir gehen«, sagt er und rollt mit den Augen.
Ich stehe auf und lasse den Hocker stehen. Weder die Männer noch die Frau sehen mich an.
»Sag mal«, fragt mich Eddie auf dem Weg nach unten. »Spinnst du? Was wolltest du denn bei denen?«
Ich zucke mit den Schultern und weiß darauf keine Antwort.
Aber ich bin sehr froh über seine heroische Rettungsaktion.

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