Nach dem Schreiben …

Falls sich jemand fragt, ob mein Blog verwaist ist oder die Schreiberin ins Jenseits entrückt wurde: nope. Ich bin noch da.

Jedes Mal, wenn mir in den Sinn kommt (ungefähr täglich), dass es (nach Internetmaßstäben) inzwischen identitätsvernichtend lange her ist, dass hier etwas veröffentlicht wurde, mache ich eine gedankliche Zeitreise in die Ära der handgeschriebenen Briefe.
Mit schöner Regelmäßigkeit folgte auf den Plan, einen Gruß zurückzuschreiben, die Erkenntnis: »Wie jetzt? Der Brief liegt hier schon ein halbes Jahr?«

Die Trödelei begann ziemlich exakt in dem Alter, in dem mir meine Eltern nicht mehr, metaphysisch gesprochen, auf die Finger gehauen haben, damit ich die Verwandten nicht aus den Augen verlor.
Zu Ostern und Weihnachten, sowie zum Geburtstag, hatte man zu schreiben, und sei es nur eine schnöde Karte à la »Mir geht es gut. Wie geht es dir?« (viel mehr passte da ja auch nicht drauf).
Gemeinsam am Tisch zu sitzen und die selbstverliebten Statusupdates der Frühzeit zu formulieren, gehörte zu jeder Ferienreise dazu, egal ob Ferienhütte, Tivoli in Kopenhagen oder ein dreitägiger Trip nach Gent.

Für Briefe galten andere Regeln.
Regel Nummer 1:
Man musste sich für den erhaltenen Brief bedanken.
Regel Nummer 2:
Es musste etwas von familiärem Interesse berichtet werden.
Regel Nummer 3:
Das Verhältnis zwischen Selbstbeweihräucherung und Dialog musste ausgewogen sein.
Regel Nummer 4:
Bevor man seinen Namen druntersetzte, schickte man (je nach Umständen) Genesungs-, Glück- oder Hoffnungswünsche.

Es war so etwas wie eine Pubertätsrevolution, als ich zum ersten Mal nicht mehr »Deine Christine«, sondern einfach Christine unter einen Brief schrieb (vergleichbar dem Zwergenaufstand, als ich mich im fortgeschrittenen Schreibunterricht dem »Aufstrich« verweigert habe, weil es ohne viel cooler aussah). Mit endgültiger Sozialisation hatte ich dann irgendwann die Nase voll, mit Christiane oder Christina verwechselt zu werden, und entschied mich für Chris, mit einem aufrührerischen Kringel darunter.

Inzwischen bekommen nur noch die Auserwählten handgeschriebene Briefe.
Und mit den Blogartikeln ist das auch so eine Sache.

Ich stecke mit meinem Projekt »Der Abgesandte« im Redigierungsmarathon, und das frisst meine komplette Freizeit. Die Produktion eines Textes über 100k (in Worten) ist für mich Neuland.
Wenn ich von der Arbeit komme, gibt’s einen Kaffee, dann wird der PC angeschmissen, und in den ersten vier Wochen war ich nur damit beschäftigt, herauszufinden, wie ich das überhaupt machen soll, damit am Ende eine besser erzählte Story entstanden ist, und nicht etwa ein Haufen Kleinholz.

Eine Testleserin brachte mich auf kleinere Unstimmigkeiten (zwei Jahre Herumbrüten haben sich insofern gelohnt, dass keine logischen Brüche drin sind), und – na klar – sie hat natürlich auch den einen oder anderen Satz kritisiert.
Kein Problem.
Hätte mich das nicht darauf gebracht, dass da noch wesentlich mehr Sätze stehen, die nicht gerade meinen persönlichen Standard für »gut gesagt« erfüllen.

Da immer wieder ähnliche Worte angemerkt wurden, habe ich schließlich im kompletten Manuskript danach suchen lassen, und kam so auf die für mich derzeit perfekte Methode, das Ding in den Griff zu kriegen.
Ich starte Scrivener, öffne die Notiz mit dem Namen »Korrekturen«, und arbeite mich durch die inzwischen entstandene Wörterliste.

Gestern war ich bei fiel (wie in auffallen, einfallen) und ließ (à la er ließ sich in den Sessel fallen).
Das ist tatsächlich spannend und außerordentlich lehrreich, weil man dabei so viel über die eigene Formulierungsfaulheit erfährt.
Aber es kostet auch enorm viel Zeit.

Beim Durchgang von würde (er würde dies und das tun, als Überlegung des Protagonisten) war ich mir auf der Suche nach besser klingenden Alternativen irgendwann nicht mehr sicher, ob ich überhaupt noch Deutsch kann …

Inzwischen fallen signifikant weniger Türen zu, es werden weniger Hände und Hintern gehoben, Köpfe gewendet und geschüttelt, es wird weniger gelächelt, geschwiegen, sich gedreht und weniger erreicht.

An freien Tagen unterbreche ich den Dialog mit meinem inneren Scharfrichter nur minutenweise, um mehr Kaffee zu holen.
Wenn ich mit der Liste durch bin, nehme ich mir noch mal die Unstimmigkeiten vor.

Apropos Dialog.
Und ihr so?
🙂

4 Gedanken zu „Nach dem Schreiben …

  1. Und ich so? Ja, auch. In dem Beitrag finde ich manches von dem wieder, was mir auch gerade beim Überarbeiten auf die Füße fällt. Erstaunlich, wie viele „Standardformulierungen“ ein Romantext haben kann. 😉 Die einigermaßen in den Griff zu bekommen, erfordert Zeit. Die man dann nicht mehr zum Bloggen hat.

    Viel Erfolg beim ausmisten!

    • Danke und gleichfalls 🙂 Ich sage mir einfach: beim nächsten Mal weiß ich es besser und kann früher korrigieren, bevor mir der gesamte Roman in einem Stück vor die Füße fällt.

    • 🙂 Das hat sich wirklich als sehr effektiv herausgestellt. Es hilft mir auch dabei, mich nicht zu verzetteln, indem ich ständig halbe Seiten korrigiere (was auf die Dauer sehr anstrengend ist), statt eben nur die Sätze mit den „Schlüsselwörtern“.
      Wenn mir nebenbei auffällt, dass manches woanders überdurchschnittlich häufig und wenig schön vorkommt („Kopf“ ist so ein Wort: drehen, schütteln, heben usw., das ist oft völlig überflüssig), dann kommt „Kopf“ einfach auf die Liste, und ich muss mich nicht akut damit befassen.

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