Alice Munro: Liebes Leben

Ich mag das Gefühl, mit dem Stift in der Hand Worte aufs Papier zu schreiben. Das Gerät meiner Wahl, seit Jahren, ist ein Kugelschreiber mit dem Namen Pilot Super Grip <F>, wie fein. Die präzisen Striche, die man damit machen kann, finde ich – mir fällt kein anderes Wort ein – entzückend.

Und wie bin ich jetzt ausgerechnet darauf gekommen?
Vielleicht, weil mich schon lange nichts mehr so inspiriert hat, wie die Kurzgeschichten von Alice Munro.

Seit ich mich intensiv mit dem Schreiben auseinandersetze, tragen mich Bücher nur noch selten einfach davon. Ständig stolpere ich über falsche Wortwahl, über fehlendes Rhythmusgefühl und über Dialoge, die nichts transportieren als sich selbst.
»Sei nicht so pingelig«, denke ich dann. »Du kannst es auch nicht besser.«
Aber es hilft nichts. Ich falle in den »Lektoratsmodus« und aus der Geschichte heraus. Und da ich inzwischen nicht mehr von dem Heiligen Ernst besessen bin, ein einmal angefangenes Buch auch unter allen Umständen zu Ende lesen zu müssen, nehme ich eben das nächste, und in diesem Falle also Munros Kurzgeschichten.
Endlich.

Dabei mag ich Kurzgeschichten eigentlich nicht so besonders, auch wenn ich gelegentlich selbst welche schreibe. Was vermutlich daran liegt, dass mir der behandelte Zeitraum in den meisten Geschichten tatsächlich zu kurz ist. Oder sie greifen einfach zu kurz. Ich weiß es nicht. Ich bin keine Expertin für Kurzgeschichten.
Aber bei vielen bleibt einfach nichts hängen.

Bei Amundsen, der zweiten von Munros Geschichten in dem Band Liebes Leben, gibt es kein »abwartendes Hereinlesen«, ob die Sätze vielleicht ab der zweiten Seite flüssiger werden, oder ob man endlich von der Geschichte gefangen wird. Munros Sprache nimmt einen vom ersten Wort an mit.
Nie wird etwas »erklärt«, trotzdem klärt sich alles. Wenn man etwas erfährt, dann im rechten Moment, wenn es am meisten überrascht. Alles ist durch und durch glaubwürdig, weil es so ungeheuer vielschichtig ist.
Alice Munro ist eine Meisterin des Innenlebens und der Atmosphäre.
Das pure Lesevergnügen.

Lange nachdem ich das Buch zugeklappt habe, kann ich immer noch die Schritte im Krankenhausflur hallen hören, und ich spüre immer noch den Verlust der einen wahren, großen Liebe. Auch dreißig Jahre danach.

Pflichtlektüre für jeden, der sich schon einmal gefragt hat, wie er das Gefühlsleben einer Figur schildern kann, ohne in Kitsch abzugleiten oder auf ausgelutschte Gemeinplätze und dümmliche Metaphern zurückzugreifen.
Aber natürlich auch für jeden anderen Leser geeignet, der sich tiefgründig unterhalten lassen möchte.

Es ist lange her, dass mich ein Text auf so vielen Ebenen derart bereichert hat.

Link zum Buch bei S. Fischer: Alice Munro/Liebes Leben

Ein Gedanke zu „Alice Munro: Liebes Leben

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