Tieftauchen

Jepp.
Ich nenne mich heute mal »Schriftstellerin«. Ich bin so frech.
Nicht »Hobbyautorin«, nicht »schreibende Putzfrau« (tatsächlich bin ich genau das), und nicht Amazonsklave, obwohl ich meine Bücher nur dort veröffentliche (bis jetzt jedenfalls).
Mein täglicher Job besteht zwar aus Putzen, aber nebenbei – was ich wesentlich wichtiger finde – lerne ich vor allem Menschen kennen.
Ich wusste nicht, wie viele Menschen ihre Kinder verloren haben. Ich dachte, das wäre eine Ausnahme. Aber es scheint nicht so zu sein. Kinder erschießen sich im Wald mit der Schrotflinte. Sie stürzen sich einen Berg hinunter. Sie sterben an Krebs, bevor sie 30 sind. Oder von heute auf morgen bei einem Motorradunfall.

Das Leben ist eine verdammt zerbrechliche Angelegenheit.

Irgendwann vor drei Jahren verlor ich – mal wieder – meinen Job. Der Laden, wo ich Brot und Kuchen verkauft und jede Menge Irre betüdelt habe, machte dicht. Und nein. Ich hatte keinen festen Vertrag. Obwohl ich das Geschäft fast fünf Monate lang geleitet habe, mit zwei Schülerinnen und einer Rentnerin als Hilfe, weil die Chefin irreparabel schwanger war. Manchmal stand ich da über 10 Stunden am Stück, weil die Rentnerin nicht in Form war und die Schülerinnen anderweitig zu tun hatten.
Bin ich deswegen verärgert?
Ich weiß nicht.
Ich weigere mich, es zu sein.
That’s life. Es war schön, solange es dauerte.
Ja. Fuck.
Es war schön, auch wenn es mal wieder Cato war, der zur Tür hereinschneite, ganz offensichtlich psychotisch, von Kopf bis Fuß in einen verdreckten Overall gehüllt, und mit Leuten beschäftigt, die, außer für ihn, sonst für niemanden existierten. Ok. Was soll’s. Er trinkt seinen Kaffee, verschmiert den Tisch mit seinen öligen Händen, und irgendwann taucht jemand auf, der seine Wohneinheit betreut, und sammelt ihn ein.
Jeden Tag kommt Åse, und erzählt von den letzten Beerdigungen, auf denen sie gewesen ist. Irgendwann erzählt sie, dass sie Krebs hat. Ich kenne auch ihre Mutter. Eine distinguierte Frau, die irgendwann so alt und krank ist, dass sie sich beim Essen bekleckert. Sie stirbt mit 98. Åse ein Jahr später.
Das war vor einigen Monaten.
Langsam habe ich hier in diesem Land tatsächlich so etwas wie eine Geschichte.

Ich überlege manchmal, ob ich eine Liste all der Leute machen soll, denen ich für eine Weile mein Herz geschenkt habe, und die inzwischen gestorben sind. Aber viele Namen fallen mir nicht mehr ein. Viele sind nur noch Gesichter. Menschen, die vor mir kamen, und vor mir gegangen sind.

Woran glaubt man, wenn man mit 20% Lungenkapazität in seiner Wohnung sitzt, und schon außer Atem gerät, wenn man nur mal aufs Klo geht? Wenn man ein toller, wahnsinnig gutaussehender Sportler ist, der leider das Problem hat, an einer sozialen Phobie zu leiden, und darüber zum Alkoholiker wird? Wenn man als Poliokind erfolgreiche Architektin wird, und dann noch vor dem 60. Lebensjahr an Rheumatismus erkrankt und zweifache Witwe ist? Wenn man sich im Rückblick fragt, warum man sich 20 Jahre lang von einem Arschloch hat verprügeln lassen, und für den Rest seines Lebens mit lädierten Nackenwirbeln und Schwindel leben muss? Wenn man mitten in den wunderschönen Sommerferien vom Schlag getroffen wird, und einen die Ehefrau nach einigen Monaten ins Heim verfrachten lässt, weil sie es nicht mehr aushält? Wenn der Ehemann, der alles regelt, nach einem freundlichen »Guten Abend« zehn Minuten später auf der Bettkante vom Herzinfarkt dahingerafft wird? Wenn man an einer mikroskopisch seltenen Erbkrankheit leidet, und weiß, dass man nicht älter wird als 40?

Ja, verdammt. Wir bewegen uns auf dünnem Eis durchs Leben.

Von dem Augenblick an, wo ich mit 13 mein erstes Glas Bier getrunken habe, war ich eine halbtrockene Alkoholikerin.
Und so schreibe ich auch, seit ich vor drei Jahren endlich begriffen habe, dass ich keine Rücksicht mehr auf alles und jeden nehmen muss.
Immer mit einem Bein im Grab.
Wie das Leben.
🙂
P.S.
Und weil ich es nicht aushalten würde, »wahre Geschichten« zu erzählen, schreibe ich SF.

Ein Gedanke zu „Tieftauchen

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