Dornröschenschloss

Die Einfahrt taucht aus dem Nichts mitten in der Kurve auf. Ein steiler Weg führt auf der gegenüberliegenden Straßenseite an Mülltonen vorbei auf einen Hügel, wo man hinter dichten Bäumen ein Haus ahnen kann. Ich reagiere nicht schnell genug, muss wenden und zurückkommen, und fahre aus praktischen Gründen rückwärts hinauf. Es ist kein Platz für eine 270-Grad-Wendung, und ich will hier nicht rangieren.
Einheimische fahren auf dem Land gewöhlich schnell und so, als gäbe es keinen Verkehr.

Auf dem Platz vor dem Haus ist es schattig.
Ich parke vor einem windschiefen Carport, vollgestopft mit Dingen, die im Haus keinen Platz haben. Verblichene Gartenstühle stehen herum und pralle Säcke mit unbekanntem Inhalt, umgeben von Haufen welker Blätter. Irgendetwas verschluckt das Geräusch, mit dem die Autotür zuschlägt.
Das Haus ist deutlich breiter als hoch und dunkelrot gestrichen, die Eingangstür liegt wie ein Höhleneingang unter der Terrasse, zwischen aufgestapeltem Holz und Gartengeräten. Ich nehme den Schlüssel aus einer neben der Tür an die Außenwand geschraubten Metallbox, schließe auf und trete ein.

Gleich links ist eine Toilette, wie man sie oft in Häusern findet, deren Bewohner sich hauptsächlich draußen aufhalten. Außer dem Klo ist dort ein Regal mit Farbeimern, Blumentöpfen, ausgedienten Handtüchern und einer Heckenschere.
Rechter Hand führt eine steile Treppe im Bogen in ein Reich, in dem die Zeit seit ein paar Wochen plötzlich stillsteht. Ich gehe durch eine Art offenes Büro mit modernem Tisch und Computer, dann drei Stufen zur Küche hinauf.

Der Esstisch ist an zwei Seiten von Schrankvitrinen umstellt, in denen beleuchtetes Kristallgeschirr funkelt wie ein geraubter Schatz. In der Küche selbst herrscht Chaos. Nichts ist da, wo es gewöhnlich in Küchen zu finden ist, und der Herr dieser Unordnung ist fortgegangen und wird nie wieder zurückkehren.
Über einem Nagel hängt ein an den Schnürsenkeln zusammengebundenes, sehr kleines Paar bunter Kinderstiefel.

Durch den Hinterausgang der Küche komme ich zum Bad und zur Waschmaschine. Ihr Deckel schließt nicht mehr, weshalb er mit einer Kette an einem Haken befestigt werden muss. Ich löse die Kette und stapele mir die frisch gewaschene Wäsche auf den Arm, weil ich nichts finden kann, wo ich sie hineinlegen könnte. Die einigermaßen große Plastikschüssel in der Küche neben dem Spülbecken wird offensichtlich als Waschbecken benutzt. Es hängt ein entsprechender Lappen über die Kante, und am Grund der Schüssel liegt ein Stück Seife.

Ich trage die Wäsche durch einen schmalen Gang, öffne aus Neugier eine Tür, und sehe das Holz und die Pappe der Rückseite einer Trennwand, an der ein Spiegel im vergoldeten Rahmen hängt. Dann geht es wieder drei Stufen hinunter. Der raue Holzboden dämpft meine Schritte auf dem Weg in das, was mal ein Esszimmer war. Weil kaum Licht durch die Fenster dringt, ist es hier so dämmrig wie in einem Film von Ingmar Bergmann.

Neben dem Kamin hockt die lebensgroße Bronzeskulptur eines Hasen, ein Ohr hoch, das andere runter. An der Wand hängt ein abstraktes Ölgemälde mit viel Rot. Auf dem langen Tisch liegt weiße, gefaltete Wäsche. Kinderspielzeug in künstlichen Farben liegt herum. Vor dem Fenster steht ein wenig vertrauenswürdiger Wäscheständer.

Ich lege die Wäsche auf dem gelben Seidenbezug eines Barocksofas ab, hänge sie Stück für Stück auf und rücke den Ständer zurecht. Jenseits des Fensters tropft das Regenwasser aus herbstmüden Büschen und Bäumen. Der Fußboden erinnert an nostalgisches Landleben. Gleich neben der Fußleiste liegt ein toter Falter. Seine Flügel haben das Muster von Baumrinde.
Ich beuge mich vor und hebe ihn auf, von irgendwoher bleiben Spinnweben in meinen Haaren hängen.
Es ist ganz still.
Nicht einmal eine Uhr tickt.
Ich betrachte den Falter, den bronzenen Hasen im Rücken.
Ich könnte ewig hier so stehenbleiben.

Aber irgendwann muss ich weiter.

Das Refugium der Witwe ist mit auf alt getrimmten Möbeln vollgestellt und hat Blick auf die Terrasse. Bald wird es Zeit, die Kissen von den Stühlen hereinzuholen. Jemand könnte mal Blätter fegen oder die Pappel gegenüber fällen, damit etwas Licht in dieses Dornröschenschloss dringt.

Ich verabschiede mich und fahre den steilen Weg wieder hinunter. Vor mir auf dem Armaturenbrett liegt der tote Falter.

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