Alaa al-Aswani: Der Jakubijan Bau

Ich hasse es, wenn mir eine Rezension erzählt, wovon ein Buch handelt. Gerne mit dem kleinen Extradetail, das man erst nach einem Drittel des Romans erfahren hätte. Oder gleich in Form kompletter Inhaltsangaben, wie sie häufig von Lesern auf Verkaufsplattformen veröffentlicht werden.
Warum zu einer Rezension unbedingt die konkrete Andeutung des Inhalts gehören soll, habe ich noch nie verstanden, obwohl ich diesen Rat bisher in jeder Liste gefunden habe, die als Leitfaden zum Verfassen einer Buchkritik angepriesen wird.
Meiner bescheidenen Meinung nach gibt es bereits einen Text, der den Inhalt passend zusammenfasst, nämlich den Klappentext.
Das nur vorweg, weil ich das unbedingt mal loswerden wollte.

Trotzdem sollte ich natürlich irgendetwas über das Buch sagen, das ich gerade zu Ende gelesen habe. Abgesehen davon, dass es mir außerordentlich gut gefallen hat.

Also. Wovon handelt der Roman?

Von einem korrupten System, das Niedertracht und Hoffnungslosigkeit hervorbringt. Von unterdrückter und gelebter Leidenschaft in einer Welt, die sich spaltet und verändert, und dabei niemanden unberührt lässt: weder den alternden Gigolo und seine junge Geliebte, nicht den bisexuellen Familienvater und seinen Gönner, noch den jungen Mann, der Erniedrigung in Hass verwandelt und teuer dafür bezahlt.
In einer Sprache voller Mitgefühl und mit klarem Blick entwickeln sich die Geschichten der Menschen, die im Jakubijan Bau leben, und am Ende bleibt ein Gefühl von Liebe.

Wem das Buch gefallen könnte?

Man sollte es mögen, dass man nicht an der Hand genommen wird. Manchmal folgen mehrere Szenen mit dem gleichen Protagonisten aufeinander, manchmal nicht. Es gibt keine Kapitelüberschriften, die einem sagen: die oder der oder das ist jetzt dran.
Zu empfindlich sollte man auch nicht sein. Weder die ägyptische Gesellschaft noch das Regime sind etwas, wo man sich so reinkuscheln könnte, und für aufrechte Feministinnen und Menschenrechtsaktivisten gibt es mehr als genug Gründe, das Buch zusammenzuklappen und an die Wand zu werfen (ein Vorteil von Papierbüchern, übrigens).
Ich habe es beim Ausverkauf der hiesigen Bibliothek nicht deswegen erstanden, weil ich mich (abgesehen von Gizeh) besonders für Ägypten interessieren würde, sondern weil oben auf dem Cover das Zitat eines Anmelders steht, das besagt: »Du verden, dette er stor litteratur« (»Meine Güte, das ist große Literatur«).
Dem schließe ich mich an.
Alaa al-Aswani lässt den Leser am Schicksal seiner Figuren das Schicksal eines ganzen Landes erfahren, und die Sätze tragen einen einfach immer weiter.

So Gott will.

Link zum Buch bei Amazon: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan Bau.
Ansonsten einfach mal googlen. Es gibt auch einen Film.

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