Bericht von der imaginären Schreibfront

Für nicht hauptberufliche Autoren muss das Geld ja auch irgendwo herkommen, und meine Arbeits-Hauptsaison sind die sechs Sommerwochen von Juli bis Mitte August, wenn halb Norwegen auf Reisen ist. Derzeit schwinge ich vier Tage die Woche den Feudel, breche mir an Vorwerk-Staubsaugern das Kreuz und führe wunderbare Gespräche mit wunderbaren Menschen, während ich Staub fortwedele, den Inhalt von Kühlschränken inspiziere und mit Bettzeug kämpfe.
Wenn ich um 15.00 Uhr nach Hause komme, schmeckt meine Haut salzig und ich bin fix und fertig.
Das Einzige, was ich dann noch will, ist eine Dusche, frischen Kaffee, Füße hoch und irgendeine Zoosendung oder »Brisant«. Hauptsache, ich muss mich nicht bewegen und über nichts nachdenken. Ich checke Facebook-Meldungen, teile etwas, kommentiere hier und da, ärgere oder freue mich über das, was ich lese.
Wenn das Wetter trocken ist, müssen die Pflanzen im Garten gewässert werden. Ab und zu liegt eine Maschine Wäsche an, ich raffe mich vielleicht auf, das Nötigste im eigenen Haus zu putzen. Mal etwas zu essen ist auch nicht schlecht.

Würde nicht am nächsten Morgen um 6.00 wieder der Wecker klingeln, wäre es durchaus denkbar, dass ich mir – als erklärter Nachtmensch – am frühen Abend noch einen Kaffee hinter die Binde gieße, um anschließend in die Tasten zu hauen. Aber ich bin keine zwanzig mehr. Ich kann mir zwar immer noch sagen »scheiß drauf, irgendwie überlebe ich das schon«, aber Tatsache ist: Ohne ausreichenden Schlaf wird das, was ich eigentlich gerne tue, unerträglich nervig und der ganze Tag ist von vornherein im Eimer. Das war zwar früher auch nicht anders, aber es war noch mehr Zukunft da »für später«, wenn ich wieder wach bin.
Manchmal frage ich mich, wie viel Lebenszeit ich wegen Schlafmangels mit schlechter Laune verjubelt habe.
Das muss ich tatsächlich nicht mehr haben.
Mit anderen Worten: Ich komme derzeit nicht zum Schreiben.
Stattdessen stricke ich einen Schal und schaue Star Trek ToS, bevor ich mich in die Gemächer zurückziehe.

Der Vorteil mit dem Älterwerden: Statt in Verzweiflung zu geraten, weil das Leben mich nicht so lässt, wie ich eigentlich will, und zu dem Schluss zu kommen, das mit dem Schreiben hätte sowieso alles keinen Sinn, kann ich akzeptieren, dass es eben so ist, wie es derzeit eben ist. Der aktuelle Roman aus dem 3. Jahrtausend ist immerhin schon zu einem Drittel geschrieben, liegt wohlgeordnet auf der Festplatte und erwartet geduldig meine Rückkehr.

Gelegentlich fallen mir kleine Ergänzungen zu Dingen ein, die im Hintergrund rumoren. Wie die Sache mit den Bodenbelägen. Keine Ahnung, wieso ich immer wieder auf »Marmor« komme. Plötzlich dann das »rote Gefühl« in einer Szene von Ursula K. Le Guins »Die linke Hand der Dunkelheit«, und mir ist klar, dass ich beim Schreiben tiefer tauchen und mehr auf Farben achten muss.
Also mache ich eine Notiz in der Abteilung »Zur Überarbeitung des Manuskripts«, wo sich unter dem Stichwort »Wetter« schon der praktische Tipp findet: Ich könnte es irgendwann mal regnen lassen.

Gestern – schon mit einem Bein im Bett – musste ich noch einmal zurück ins »Büro«, um die erste Skizze für den Plot des nächsten Romans festzuhalten, der im gleichen Universum spielen wird wie mein derzeitiges Projekt »Der Fall Irenaeus«. Arbeitstitel ist »Die Aurora«, wobei es sich um ein ehemaliges Kreuzfahrtschiff handelt, auf das seit Jahrhunderten diejenigen Menschen verbannt werden, die gegen das Virus der »Lungenseuche« immun sind. Optisch schäbig wie eine Art »Nostromo« auf dem Wasser und mit ordentlich Action in der Handlung, wobei ich bis gestern noch keinen blassen Schimmer hatte, wie und warum genau sich wer mit wem in die Haare geraten sollte.
In solchen Momenten packt mich dann doch ein bisschen die Ungeduld.
Die Zeit, bis ich wieder richtig loslegen kann, kommt mir auf einmal lang vor, und ich muss mir schwören: »Never give up, never surrender!«

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen noch einen schönen Spätsommer 🙂

P.S.
Übrigens habe ich nicht nur über meinem Roman gebrütet, sondern zwischendurch auch ein kleines Ei gelegt: Anfang Herbst (inzwischen wohl eher Anfang 2018) kommt bei p.machinery eine Fantasy-Anthologie heraus, in der ich mit einer Geschichte vertreten bin.

2 Gedanken zu „Bericht von der imaginären Schreibfront

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