Warum tue ich mir das an?

Gerade gab es ihn mal wieder, den Artikel, über den man sich nach Herzenslust aufregen konnte. Am 9. Mai 2016 berichtete die »SZ« über die Abzocke mithilfe von Amazons Ebook-Ausleihe auf Kosten »hoffnungsvoller Hobbyautoren« und stellte dabei KDP Select auf eine Stufe mit Druckkosten-Zuschussverlagen. Einige Sätze später ist immerhin von »ambitionierten Nachwuchsschriftstellern« und schließlich einfach von »Schriftstellern« und »Autoren« die Rede, aber der Tonfall bleibt herablassend, und viele SPler dürften nach den ersten drei Sätzen in die Tasten gegriffen haben, um ihrem Unmut über den respektlosen Text Ausdruck zu verleihen, in dem die Erzeugnisse selbst publizierender Autoren einmal mehr pauschalisierend im Bodensatz der literarischen Welt verortet werden.
Für mich war der Artikel Anlass, mich (nicht zum ersten Mal) mit der Frage zu beschäftigen, warum mir die Bezeichnung »Hobbyautor« einen Stich versetzt, und wie ich mich selbst nennen würde.

Im Umfeld meiner Kindheit wurde ein »Hobby« als sinnfreier Spaß eingestuft, ausgeübt von Menschen, denen es an Berufung zu Höherem mangelte. Absoluter Inbegriff des infantilen Treibens war der Unintelligenzler im gerippten Unterhemd, der an der elektrische Eisenbahn den Kindheitstraum vom Lokführer auslebt, dicht gefolgt vom Stolz des Karnickelzüchters auf die Klöten seines preisgekrönten Rammlers. Gänzlich unbegreiflich waren Eisenbahnzüge zählenden Vollhonks, Bierdeckel- und Kronkorkensammler.
Alles in allem war es entsetzlich peinlich, ein »Hobby« zu haben, denn das wurde mit der Unfähigkeit gleichgesetzt, dem Leben einen Sinn zu geben, der darin zu bestehen hatte, sich zu bilden und Überblick zu demonstrieren.
Nun gut.
Das ist natürlich eine ziemlich einseitige Betrachtungsweise, und das habe ich inzwischen kapiert.

Nichtsdestotrotz haftet dem Begriff »Hobby« etwas Einfältiges, irgendwie vage Authistisches an. Die alternative Bezeichnung »Amateur« macht es nur in Ausnahmefällen besser und auf keinen Fall für Autoren. Und wenn man die Kommentare in den sozialen Medien verfolgt, scheine ich nicht die Einzige zu sein, die das so empfindet.

Um das negative Image abzumildern, wird gerne die Trennlinie beim Einkommen gezogen, und das »Hobby« zur brotlosen Variante der Professionalität erklärt.
Damit könnte ich tatsächlich leben.
Würde nicht gerne als Nächstes der Schluss gezogen, dass der »Hobbyautor« in gnadenloser Selbstüberschätzung und aus finanziellen Gründen nicht dazu bereit ist, seinen Pflichten dem Leser gegenüber nachzukommen, damit sein zweifelhafter Erguss nicht auf der Stufe therapeutischer Selbstbefriedigung verbleibt.

Eine Illustration des ewig gleichen Palavers zum Thema Lektorat, Korrektorat und Zielgruppe erspare ich mir an dieser Stelle. Wer schon mal in einer Autorengruppe auf Fb war, der weiß, wie das abläuft. Mindestens einmal die Woche setzen alle von ihrem jeweiligen Standpunkt aus zum Rundumschlag an.

Einziges Ziel dieses Grabenkriegs ist es, sich entweder zu rechtfertigen oder den eigenen Status zu zementieren, und ich beteilige mich schon lange nicht mehr an diesem Hickhack. Aber ich lese ab und zu noch mit, und spätestens dann, wenn der Tonfall überheblich und bösartig wird (und das wird er irgendwann immer), frage ich mich gewöhnlich, wie ich mich selbst einordnen würde.

Meine ersten literarischen Gehversuche im Alter von elf Jahren wurden mit Wohlwollen betrachtet, aber unzweifelhaft nicht ernst genommen. Ich wuchs in dem Bewusstsein auf, dass literarische Ausdruckskraft mit Umständen zusammenhing, die am ehesten mit »göttlicher Fügung« umschrieben werden können. Schriftsteller hatten ein mit Genialität gepaartes Talent, das irgendwann, irgendwie dafür sorgen würde, dass sich direkt vom Himmel herab ein Verleger materialisiert, der ihre Exzentrik erträgt, dafür sorgt, dass sie während des Schreibens nicht verhungern und der sie berühmt macht. Punkt. Davor war man entweder ein verarmtes Genie, ein jämmerlich unbegabter Schreiberling mit Ambitionen, oder man machte sich mit trivialem Schund lächerlich, der die großen Fragen der Menschheit in den Dreck zog.
Alles in allem keine rosigen Aussichten für die Zukunft.

Also schrieb ich Tagebuch, haderte damit, dass eine Vierzehnjährige noch nichts Weltbewegendes zu sagen hat, und träumte davon, wie Henry Miller zu leben, wenn ich alt genug dafür wäre.

Ich habe später sogar das eine oder andere geschrieben, wenn Party und Billardspielen mir dafür Zeit ließen, ohne jemals daran zu glauben, dass es »ausreichend« wäre. Wofür auch immer.

Zeitsprung.

Es ist inzwischen dreißig Jahre her, dass ich Miller gelesen habe.
Man muss nicht mehr darauf warten, dass sich auf göttliche Weisung hin die Pforten des Olymp öffnen, man kann das Ding selbst durchziehen.
Nach vielen Anläufen habe ich herausgefunden, wie ich schreiben kann, ohne mich in meinen eigenen Neurosen zu verheddern. Ich habe mich mit der Theorie beschäftigt und die Phase hinter mir, in der mich jedes gelesene Buch dazu verführt, meinen Schreibstil zu ändern.

Die beiden ersten Bücher waren leicht, weil ich die Ideen schon lange mit mir herumtrug, und nur noch die Worte finden musste. Außerdem waren sie kurz. Jetzt arbeite ich seit Monaten an etwas, das möglicherweise am Ende die Bezeichnung »Roman« verdient, und taste mich peinlich langsam an die Idee und ihre Umsetzung heran.
Ab und zu schlottern mir die Knie und ich bezweifle, ob ich meinen eigenen Ansprüchen und denen eventueller Leser gerecht werde. Ich registriere mit Frust, in welchem Tempo andere Autoren einen Roman nach dem anderen in die Welt entlassen, und fühle mich gelegentlich wie ein herumstümpernder Idiot.

Was ein gutes Buch ist, das weiß ich, weil ich eine Menge guter Bücher gelesen habe. Aber bekomme ich das auch selbst hin, was ich von anderen erwarte? Warum tue ich mir das an? Mache ich das als »Hobby«? Weil es mir Spaß macht?

Ziemlich häufig ist es eine unglaublich zähe und mühsame Arbeit. Die Hälfte meines Lebens liegt brach, weil ich ständig vor dem Computer hocke. Das viele Sitzen macht meinen Körper steif und träge. Ich rauche zu viel. Es vergeht keine Woche, in der ich mich nicht frage, ob ich nicht glücklicher wäre, wenn ich das Schreiben wieder an den Nagel hänge.
Ab und zu tue ich so, als hätte ich noch nie was vom Schreiben gehört.

Und dann steht mir wieder meine Idee vor Augen, streift mich wie schwefelgelbe Sonnenstrahlen aus der tiefen Schwärze eines dramatischen Gewitterhimmels, und ich setze mich wieder an den Schreibtisch und mache weiter.

Um den Rest kümmere ich mich, wenn ich fertig bin. Irgendwie werde ich mir das Geld fürs Lektorat aus den Rippen leiern und so gut wie niemand wird das Buch lesen, weil mich das ständige Gelaber über »zielgruppenorientiertes Schreiben« dermaßen auf die Palme bringt, dass ich schon aus Prinzip eine marketingtechnische Niete bin.
Egal.
Und? Wie würde ich mich bezeichnen?
Gar nicht.
Ich schreibe.

2 Gedanken zu „Warum tue ich mir das an?

  1. In meiner Kindheit war es etwas Besonderes, ein Hobby zu haben. Die meisten haben irgendwelche langweiligen Serien geschaut und nichts Kreatives gemacht. Wer gezeichnet oder geschrieben hat, war dagegen gern gesehen. Deshalb habe ich diese elenden Diskussionen auch nie verstanden. Mir ist es egal, wir lange man für ein Buch braucht oder wie oft es sich verkauft. Wichtig ist, dass es gefällt. Und was das Schreiben angeht. Ja, es ist harte Arbeit, aber diese sollte in allererster Linie Spaß machen und einen erfüllen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Dinge, von denen man überzeugt ist, auch andere überzeugen. Das gilt nicht nur für die Buchwelt. Jedenfalls, viel Erfolg für dein Projekt. Es wird sehr sicher seine Leser finden!
    +Mika+

    • Was mich an dieser „Hobby“-Diskussion ärgert, ist die häufige Unterstellung, man hätte eben keinen Plan, wenn man nicht in erster Linie für den ökonomischen Erfolg schreibt. Da wird in alle Unendlichkeit wiederholt, dass man dem Leser gegenüber verpflichtet ist, für den Leser schreibt, sich dem Leser unterordnen, seine Erwartungen erfüllen muss. Und diese Weisheit kommt oft von Autoren, von denen ein Buch zu lesen mir nicht im Traum einfallen würde, weil sie mich in jeder Hinsicht langweilen.
      Wie ich schon als Teenager gerne herumgestrunzt habe, wenn mir jemand mit „müssen“ kam: „Müssen“ muss ich auf´s Klo. Und sonst gar nichts. 😉

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