Theoretischer Frühjahrsputz

Ob es daran liegt, dass es regnet? Gartenarbeit heute eher keine Option ist, ich in meinem »Büro« sitze und mir wieder einmal auffällt, wie unglaublich viel Zeugs sich hier in den letzten Jahren angesammelt hat?

Die Sieben Raben/1991/Bunststift
Geht es anderen Menschen auch so, dass sie eine Schachtel mit Fotos des Großvaters aus dem letzten Weltkrieg auf den Schreibtisch stellen, in der Absicht endlich herauszufinden, wo genau die Bilder aufgenommen wurden – und Monate später steht die Schachtel immer noch da, genauso unberührt wie am ersten Tag? Irgendwie unvergessen, bis die Idee eines Montagmorgens einfach erlischt, und die Schachtel sich von einer Mahnung, dass man etwas tun wollte, in einen verstaubten Platzräuber verwandelt?

Jo Nesbøs Krimi »MERE BLOD« wird vermutlich in Kürze das gleiche Schicksal ereilen. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie es ihm gelingt, mich keine Sekunde zu langweilen, habe angefangen, den Text zu übersetzen und auseinanderzunehmen – und jetzt liegt das Buch da, und ich habe zum letzten Mal vor vier Wochen hineingeschaut.

Die Sieben Raben/1992/Bleistift
Hinter mir in der Zimmerecke steht ein als Lagerort umfunktionierter Kleiderschrank, in den ich so langsam aber sicher auch nichts mehr hineingequetscht kriege. Er ist vollgestopft mit mindestens sechs Sorten verschiedenen Papiers, alten Game-CDs, Computerbauteilen, Werkzeug, Geschenkeanhängern der letzten zehn Jahre, leeren Bilderrahmen, noch mehr Papier, Schiebelehre, Hammer, Bastelkram für Schmuck … ich könnte den Artikel nur mit einer Aufzählung all der mehr oder weniger nützlichen Dinge vollkriegen, die dort auf den Tag warten, an dem ich sie plötzlich benötige.
Oder eben auch nicht.

Oben auf dem Schrank ist gottseidank noch Platz, und da liegen bis zur Decke Mappen und Rollen mit alten Bildern. Vermutlich hat es etwas mit dem Frühling zu tun, mit dem Gefühl, dass man unbedingt etwas auf- und wegräumen sollte – Staub entfernen! Platz, Luft und Raum für Neues schaffen! – weshalb sie mir in der letzten Zeit so oft in den Sinn kommen.

Pastellkreide auf Pappe/1989

Was soll man mit alten Bildern machen, für die man nie einen Platz an der Wand haben wird (und mit denen, die man nie an der Wand würde haben wollen)? Deren Sinn und Inhalt darin besteht, an etwas zu erinnern, das irgendwann mal wichtig war. Deren Anblick sogar ein bisschen schmerzt, weil sie einem klarmachen, dass die Finger und die visuelle Imagination inzwischen eingerostet sind.

Rituell verbrennen?
Einfach in die Tonne stopfen?
Es dem Nachlassverwalter überlassen, den Sch… zu entsorgen?

Dreißig Jahre lang war es mir wichtig, die Bilder physisch in meiner Nähe zu haben. Vermutlich, weil ich mal davon geträumt habe, Malerin oder Illustratorin zu werden. Wie so häufig ohne jeden weiterführenden Plan, aber immerhin fanden manche die Bilder gar nicht so schlecht.
Aber nun ist der Traum geträumt, und die Gelegenheit, an die alten Ideen anzuknüpfen, hat sich endgültig erledigt.

Trotzdem.

Meine spanische Nähmaschine/1992/Pastellkreide auf Pappe
Werde ich an meinem siebzigsten Geburtstag die Pappe entrollen und die Ecken mit Steinen beschweren, den Kreidestaub wegblasen und mich von den Bildern daran erinnern lassen wollen, wann, wo und warum ich sie gemalt habe?
Durch A4-Zeichnungen blättern und verflossenen Projekten nachweinen?
Oder werde ich mich zum x-ten Male fragen, wieso ich mir immer noch von ihnen Platz wegnehmen lasse?
Würde mir auch ein Foto reichen?
In einem Album?

Was würde ich mit dem plötzlich entstandenen freien Raum anfangen?
Endlich durchatmen, oder es einige Jahre später bitter bereuen?

Es ist Wochenende. Es regnet.
Ich glaube, ich habe zu viel Zeit zum Nachdenken …

5 Gedanken zu „Theoretischer Frühjahrsputz

  1. Die Bilder sind von dir? Sie gefallen mir sehr, sehr gut. Die Farbigkeit ist sehr lebendig. Irgendwie möchte ich aber, auch wenn ich viel jünger bin als du, daran glauben, dass es nie zu spät ist, um zu träumen. Und vielleicht werden einige dieser Träume sogar wahr.
    Grüße
    Mika

    • Nein. Es ist nie zu spät, um Träume zu haben. Aber alles hat seine Zeit, und du wirst später im Leben feststellen, dass du manches verloren hast, ohne dass es dir aufgefallen ist. Dann ist die Frage, ob du mit dir selbst oder dem Schicksal haderst, oder ob du es eben zu den Akten legst und dir eingestehst, dass du nicht mehr der gleiche Mensch bist, der du früher einmal warst. Manches lässt sich tatsächlich nur durchziehen, wenn man jung ist, für anderes ist es von Vorteil, wenn man ein paar Jahre auf dem Buckel hat 🙂

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