Der Fall Irenaeus II

Letztens wurde ich gefragt, wann denn die nächste Geschichte aus dem »3. Jahrtausend« herauskäme. Voller Optimismus verlieh ich meiner Hoffnung Ausdruck, dass die erste Rohfassung vermutlich in zwei Monaten fertig ist.
Das war – glaube ich – vor einem Monat.

Meine Vorüberlegungen hatten ihren Platz gefunden, Szenen und Szenarien waren angelegt und ungefähr ein Drittel der Geschichte war geschrieben. In der nächsten Szene würde sich das Geheimnis des Ortes erklären, an dem die Geschichte spielt.

Nun.

Irgendwann, irgendwo las ich einmal einen Satz von Viktor Klemperer, sinngemäß etwa so: »Wenn ich sage, ich habe für etwas keine Zeit, will ich damit zum Ausdruck bringen: In meiner Seele ist kein Raum dafür.«
Das kommt so in etwa hin.
Ich schickte einige Notizen in den Orkus, machte neue Anmerkungen, skizzierte Dialoge und schrieb den ersten Teil der Szene.
So weit, so gut: Ich landete da, wo ich hinwollte.
Und dann gab’s eine rasante Vollbremsung, mit quietschenden Reifen und allem und dem anschließenden Ausblick auf eine solide Mauer, die mir den Blick auf den Rest der Szene versperrte.
Hier stimmte etwas nicht.

Es gab plötzlich keinen Raum mehr, in dem ich mich mit den Protagonisten bewegen konnte. Meine Ideen wiesen zwar in die richtige Richtung, aber die Umsetzung funktionierte nicht. Was ich mir vorgestellt hatte, wurde in der Geschichte unsäglich banal und – ich sag’s wirklich ungern – lächerlich.

Der erste Impuls war: Jetzt ist wirklich Feierabend! Ich mag nicht mehr! Weg mit der blöden Story! Und der nächste: Spinnst du? Du hast Monate damit verbracht! Willst du das jetzt wirklich wegwerfen? Das verzeihst du dir nie!

Aber erst mal hatte ich keine Zeit dafür. Und keine Lust. Und keinen Plan.
Und überhaupt.
Wie soll ich die Anwesenheit von vier Personen erklären, wenn ich die gesamte Idee streiche, auf der ihre Anwesenheit beruht?
Wo sollen sie ihren Platz in der Vorgeschichte finden – immerhin ein Zeitraum von über 800 Jahren – damit sie am Ende dort landen, wo ich sie brauche?
Gute Frage.
Und eine noch bessere Frage: Wieso brauche ich sie überhaupt?

Der ursprüngliche Gedanke war, dass in auf diesen vier Personen beruhenden Wortfragmenten Weisheit und Erkenntnis gefunden werden können, sehr vereinfacht gesagt.
Mit der technischen Seite der Angelegenheit war ich zufrieden.
Aber nicht mit den Worten.
Ich startete einen letzten Versuch, die Idee zu retten, und landete im Reich der Metaphysik:

Was ist das »Urwort«?
Die Stille?
Aber vor der Sprache gab es auch keine Stille. Selbst die Zweibeiner gaben schon Laute vor sich, bevor sie die Pflanzen und Tieren im Paradies mit Namen erkannten.
Das »Urwort« kann also nur jenseits der Stille liegen.
Es muss der Moment der Erkenntnis sein, bevor sich das hörbare Wort formt.
In diesem Sinne ist das Wort »Optimierung« kein genuines »Wort«, sondern die hörbare Form eines gedanklichen Konstrukts.
[Laotse: Der Name, der sich aussprechen lässt, ist nicht der richtige Name.]
Also ist »Das Wort« das, was noch nicht gesagt wurde.
Ist das »Urwort« also der »Raum«, in dem Stille und Wort möglich sind?
Ist »Schöpfung« – ob göttlich oder menschlich – immer das, was schon nicht mehr »Das Wort« ist, sondern der Gedanke, der auf den Möglichkeiten basiert, die »Das Wort« gibt?

Das Resultat der Überlegungen war jedenfalls: Meine Idee ist einfach nur simplifizierender Mist.
Worte sind gut, aber sie müssen anderswo herkommen.

Ich löschte alle Textabschnitte, die auf der ursprünglichen Idee beruhten – wodurch sich unschöne Löcher in den schon fertigen Szenen ergaben – und kaufte mir Aeon Timeline, um endgültig Klarheit über die Vorgeschichte zu bekommen.
Die Entzückensschreie bezüglich des Programms spare ich mir jetzt mal – das Resultat der Anschaffung war jedenfalls eine steile Lernkurve und am Ende des zweiten Tages flutschte mein an den Haaren herbeigezogenes Hirngespinst butterweich und schmerzlos in die Mülltonne.
Gesegnet seien die, die eine große weiße Wand zuhause haben, auf der sie herummalen und an der sie eine Million Plot-Zettel anheften können – für alle anderen empfiehlt sich Aeon.

Der Stand der Dinge ist jetzt: Die Anwesenheit der vier Personen ist geklärt. Notizen müssen gesichtet werden, inwiefern sie jetzt noch für die Geschichte taugen. Die Löcher in den Szenen müssen gestopft werden. In der Szene, in der ich gestrandet bin, muss ich den Fokus neu justieren.

Außerdem gibt es noch die eine oder andere Frage in Bezug auf den Protagonisten zu klären. Einiges von dem, was ich über ihn geschrieben habe, entpuppt sich inzwischen als »Platzhalter« für eine Idee, die mir erst noch kommen muss.

Mit anderen Worten: Vier Wochen bis zur Rohfassung ist möglicherweise einen Zacken zu optimistisch, vor allem angesichts der Tatsache, dass Frühling ist und plötzlich fünftausend andere Dinge erledigt sein wollen.

Aber immerhin: Es ist wieder ein Raum in Sicht, in dem sich meine Figuren bewegen können.

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