Das Saugwunder

Es muss etwa Mitte der 80er Jahre gewesen sein, als die Gemeinde der Küchen- und Haushalts-Anbeter jederzeit mit der Offenbarung rechnen konnte. Jedenfalls war der Besuch eines Vorwerk-Staubsaugervertreters eine allgegenwärtige Bedrohung.
Bei mir kreuzte der Mann denkbar ungünstig früh auf, am Morgen nach einer ungeplanten Party.

Ich wohnte damals in einer Straße ohne einen einzigen Baum, in einer Gegend, die ich aus ganzem Herzen verabscheute, und irgendwie fügt sich der Staubsaugervertreter auch dreißig Jahre später immer noch nahtlos ein in die Erinnerung an eine Zeit, an die ich mich am liebsten gar nicht erinnern würde.
Glücklicherweise wohnte ich dort nur ein paar Monate, und der Versuch, mir einen Staubsauger zu verkaufen, endete ebenfalls nach wenigen Minuten.

Anyway. Die Story.

Ich schlurfe immer noch benebelt von zu viel Alkohol durch die Wohnung und versuche das Chaos zu beseitigen. Schüsseln mit Chipsresten, Erdnüsse überall, und – natürlich – leere Altbierflaschen kreuz und quer in der ganzen Wohnung. Ich fange mit dem Einsammeln der Flaschen an, bringe sie in Richtung Küche, stolpere über irgendein vermaledeites Kabel, lege mich mitsamt Flaschen auf die Schnauze und schneide mir sauber den Handballen auf.
Im gleichen Augenblick klingelt es an der Tür.

Ich schnappe mir ein Küchenhandtuch, wickele es mir um die Hand, drücke unten die Haustür auf und frage mich, wer zum Teufel … da steht er auch schon vor mir, nur unwesentlich älter als ich, und trotzdem von einem völlig anderen Planeten.
Er setzt das Haushaltswunder im Flur vor meiner Wohnungstür ab, mustert für den Bruchteil einer Sekunde das Handtuch, aus dem bereits das Blut suppt, und fängt an, mich mit einem Sermon zu überschütten, der für mich ungefähr so viel Sinn macht, wie Gedichte aus der Ming-Zeit auf Mandarin.
Ich starre ihn an und warte, bis er Luft holt.

– Sehe ich so aus, als ob ich einen Staubsauger brauchen würde?
Er ignoriert mich als wäre ich gar nicht da, schwärmt von Teppichklopfer und Staubbürste, bis ich ihm meine Hand unter die Nase halte, mit einem kurzen Satz die Lage der Dinge erkläre und ihm die Tür vor der Nase zuknalle.
Das war’s mit Vorwerk. Dachte ich. Und tatsächlich wurde ich Jahrzehnte verschont.
Bis jetzt.

Offensichtlich hatten die Vertreter anderweitig mehr Erfolg und inzwischen kenne ich sie alle, die Cadillacs unter den Staubvernichtern, das große grün-weiße Vorwerk-Saugwunder.

Da gibt es torpedoförmige Geräte, die so aussehen, als ob man sie aufrecht stehend verwenden sollte, aber das ist nur arglistige Täuschung. Nein, man zieht sie hinter sich her wie einen zu lang geratenen Dackel, und die Zimmertür, bei der man beim Eintreten damit nicht am Rahmen hängen bleibt, wurde noch nicht erfunden.
Dagegen bietet das Modell »Echter Hochkantdackel« den Vorteil, dass man den unhandlichen Teil vor sich herschiebt, statt ihn hinter sich herzuziehen.
Nicht zu vergessen den beeindruckenden »Klotz«, dessen betonschweres Gehäuse eine Flugzeugturbine verbirgt, die auf der höchsten Stufe alles im Umkreis von zehn Metern verschluckt.
Wie man an das Innere herankommt, um irrtümlich weggesaugte Kostbarkeiten aus der Geiselhaft wieder zu befreien, habe ich nie herausgefunden.
Vermutlich muss man dafür einen Mechaniker aus den USA einfliegen lassen.

Allen Modellen gemeinsam ist die überwältigende Auswahl an Saugaufsätzen, damit alles in der Wohnung die korrekte, wahnsinnig wichtige Spezialbehandlung erfährt. Und wenn jemand erst mal Unsummen für das neue Haustier ausgegeben hat, möchte er natürlich auch, dass der Teppich mit dem Klopfer bearbeitet wird, die Möbel mit dem »wie auch immer das Ding heißen mag« gestreichelt werden, und sämtliche Lampenfüße eine Bürstenmassage erhalten. Selbstverständlich sind die Aufsätze fürs Bürsten und Streicheln so riesig, dass sie in keine Hosentasche passen, und man ist gezwungen, in regelmäßigen Abständen in die häusliche Schatzkammer zurückzukehren, um das jeweilige heilige Zubehör zuunterst aus den praktischen Aufbewahrungsbeuteln zu kramen.

Nicht unerwähnt bleiben soll der phänomenal komfortable Griff, im Umfang passend für Männerhände der Kategorie »Schlachter«. Da, wo man auch als Frau richtig zupacken kann, ohne das Gefühl zu haben, mit einer steinzeitlichen Keule unterwegs zu sein, sitzt der Schieber für die Saugstufe. Weshalb der Sauger immer wieder unvermittelt aufheult und zwei Gänge höher schaltet, weil man mal wieder danebengegriffen hat.

Was soll ich sagen.
Die Dinger sind offenbar unsterblich.
Wann immer ich sie sehe, würde ich stattdessen am liebsten den Besen nehmen.
Ich hasse sie.
Echt.

3 Gedanken zu „Das Saugwunder

  1. Hach. Wenn ich das so lese, bedauere ich immer ein bisschen, dass ich von Vertretern jeglicher Art, insbesondere dem Vorwerk-Mann, verschont geblieben bin. 😀 Selbst die Zeugen standen zuletzt vor … hmmmm… über 5 Jahren vor der Tür … ^^

    • Bei uns machen die Zeugen alle paar Jahre einen neuen Vorstoß (sie sind mit ihrem „Saal“ fast unsere direkten Nachbarn) – das hat für mich persönlich aber weniger gravierende Folgen als die Erfolge des Vorwerk-Manns vor dreißig Jahren 🙂

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s