Sommertour 2015: 2. Morgen in der Wildnis

Ufer der FollaEs ist wieder um die 0ºC, obwohl wir nicht so weit oben in den Bergen sind. Wir stehen an der Folla, deren Uferböschung auf unserer Seite aus Schieferbruch besteht. Manche der Schieferstücke sind gewölbt und sehen mit ihren organischen Streifen und Rillen so aus wie etwas, das die Götter bei ihrem letzten Besuch hinterlassen haben.
Unsere sinnige Dieselheizung funktioniert natürlich wieder nicht, und die Sonne, die uns einen so wunderbaren Abend mit glitzerndem Wasser und gleißendem Schiefer beschert hatte, befindet sich noch auf der anderen Seite des Universums. Hinter dem Hügel.

KuhherdeGestern erwarteten uns nach dem Aufbruch keine Schafe, sondern eine Herde Kühe mit ihren Kälbern.
Sie standen an der Brücke gleich hinter dem Platz, an dem es erlaubt ist, auf dem Birkebeinervegen zu campen.

Campingplatz Birkebeinervegen(Ähem … sie hätten ruhig ein Schild aufstellen können mit dem Hinweis, wie weit der Campingplatz noch entfernt ist).

Der Wald verschwindet, als wir über den Bergrücken fahren. Wir drehen uns um und müssen anhalten, um ein paar Fotos zu machen.

Auf dem BergrückenDie Landschaft liegt unendlich weit und schutzlos unter dem riesigen Himmel. Die höchsten Büsche gehen einem bis zum Knie, und ansonsten gibt es hier nur noch Moos, Flechten und Schafe. Der Wind weht scharf und überhaupt nicht sommerlich.

TalblickAuf den nächsten Kilometern könnte ich ununterbrochen Fotos machen.
Auf welcher Höhe wir uns im Schnitt bewegen, weiß ich nicht, und ich schaue auch nicht nach. Die Landschaft wechselt zwischen kargem Hochgebirge, dichtem Wald und Talblick.

Boot am SeeAuf halbem Wege zwischen Koppang und Tynset ist auf unserer uralten, reichlich vollgekritzelten Karte an einer Seitenstraße eine Markierung.

Waren wir da schon mal?

Wir fahren hin, entdecken einen See und ein Bootshaus und können uns an Nichts erinnern. Das mit Bleistift gezeichnete Quadrat auf der Karte bleibt ein Rätsel.

Der ursprüngliche Plan war nicht, in einem durch bis nach Røros zu fahren, aber es gibt auf dem Weg dorthin nichts, was uns länger aufhält.

NekfalletWir machen noch einen kurzen Abstecher zum „Nekfallet“, den man nur aus der Ferne sieht, wenn man nicht wandern möchte.

Der Schriftsteller Jacob Breda Bull (1853-1930) berichtet in einer Erzählung davon, dass einmal ein Mann unterhalb des Wasserfalls gewohnt hat, von dem er eines Tages auf einem Spaziergang nur noch die vermoderte Hütte und einen Oberschenkelknochen gefunden hat.

Von Tynset aus nehmen wir die Hauptstraße. Sie ist breit und frisch asphaltiert, und als wir uns Røros nähern, sieht es überhaupt nicht aus, wie auf den Fotos.
Zugegeben ist auch das Wetter ziemlich bescheiden.

Roeros

Bevor wir den historischen Stadtkern erreichen, fahren wir als Erstes an „Euronics“ vorbei und danach durch ein Gebiet mit Kleinindustrie.
Klar – Weltkulturerbe hin oder her – auch hier findet ganz normales Leben statt, aber besonders einladend ist es nicht.
Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz am Bahnhof ab und machen uns auf dem Weg. Es fängt an zu nieseln, aber immerhin sind so um die 15ºC.

Der erste Eindruck ist: Hier gibt es die gleichen Geschäfte wie überall, plus eines wenig einladenden Souvenirshops.
Die Häuser sind schön. Eine Zahnarztpraxis hat ein altmodisches Ladenschild, an dem ein riesiger Backenzahn baumelt. Die Häuser aus angekokeltem Holz (es sieht jedenfalls so aus) schauen bei dem grauen Wetter ziemlich finster drein.

Roeros KircheWir gehen einmal die Straße rauf bis zur Kirche. Sie ist weiß und schwarz und ruft schon von Weitem: „Bergbau!“
Vom Friedhof aus öffnet sich ein großes Tor auf eine Brachfläche. Auf dem Torbogen steht eine Inschrift, die auf ein Grab weist.
Tja.
Wo auch immer das Grab nun hin ist, es ist jedenfalls nicht mehr da. Nur noch ungemähtes Gras.
Ein Trupp junger Leute mit Hund trabt lachend und Handys schwenkend über den Friedhof. An der Kirche vorbei führt die Straße in ein ganz gewöhnliches Wohngebiet.

Wir kehren um, und José kauft sich für unterwegs sein bisher nördlichstes Kebab. Noch bevor er damit fertig ist, verschwinde ich in dem einzigen Laden, der mir auf den ersten Blick gefallen hat. Und hier, am A… der Welt finde ich endlich den Teppich, den ich schon seit Jahren für das Badezimmer suche.
Rund und bunt, politisch korrekt ohne Beteiligung von Kindern hergestellt und mit genau dem richtigen Durchmesser!
So gesehen hat Røros sich also doch gelohnt.

Wir beschließen, unseren Plan aufzugeben, an der Grenze zu Schweden entlang zurückzufahren. Wenn man nicht gerade ein Wanderfreak ist, ist das Hochgebirge nicht die aufregendste aller Gegenden. Nachmittags um fünf wenden wir uns (mal wieder) in Richtung Hardangervidda. Landschaft und Orte die wir passieren, alles wirkt touristisch erschlossen, sauber und aufgeräumt.
Irgendwann schiebt sich ein imposanter Riesenfelsen in die Aussicht und unterbricht die Eintönigkeit, und an der Folla, die flach ist, schnell fließt und nach Lachsen aussieht, ist Norwegen fast schon wieder so, wie ich es liebe.

Ich frage mich, warum ich es so mag, wenn über mir die norwegischen Berge aufragen, während ich die Berge in Süddeutschland und in den Alpen immer irgendwie beengend finde. Keine Ahnung.

An der Folla

P.S. Leider sieht die Folla nur so aus, als ob es dort Fische gäbe. Durch die Rückstände aus alten Gruben ist das Wasser mit Kupfer, Zink und Cadmium verunreinigt.

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