Kleine Apokalypse am Vormittag

Die Küche wird renoviert – der Boden muss erneuert werden – und das heißt: Ab sofort gibt‘s nicht mal mehr einen Wurstzipfel im Altenheim. Abgesehen von dem – natürlich – was die Bewohner in ihren Zimmern und Wohnungen haben, und was die einzelnen Abteilungen bunkern.
Wir, zum Beispiel.
Wenn man die Kühlschranktür aufmacht, fällt einem der Inhalt direkt in den Schoß.
Für gewöhnlich stehen da ein Liter Milch, zwei Packungen Margarine, fünf mal Kaffeesahne, Fruchtsaftsirup und das, was die Angestellten für sich selbst so brauchen.
Jetzt ist es darin so voll, dass man nichts mehr wiederfindet.

Heute ist der erste Tag, an dem wir das Frühstück ohne Hilfe der Kantine selbst bestücken müssen. Für vierzehn Personen ist das nicht sooo viel, denken wir, und machen uns an die Arbeit. Lange her, dass wir das gemusterte Geschirr benutzt haben. Wir laufen etwas öfter als gewöhnlich hin und her und stellen fest, dass wir gut noch einen weiteren Servierwagen gebrauchen könnten …
Als alles Geschirr und ordentlich gruppierter Aufschnitt auf den Tischen steht, fällt uns ein: Brot! Im Eisfach! Yeah! (Mikrowelle kann manchmal echt die letzte Rettung sein)
Der erste Besucher sitzt schon am Tisch.
Und Kaffee – ja, Kaffee! Himmel! – müssen wir auch noch selber kochen …

Ich bin während des Frühstücks kaum dabei, weil – infolge eines Infoschreibens – über die Woche benötigte Waren am Montag bis um zehn bestellt sein müssen. Hm. Das ist noch eine halbe Stunde hin. Und ich grübele über dem Zettel und habe null Plan, wie viele Tüten Kaffee wir jetzt in einer Woche brauchen, wie viel Käse oder wie viel Brot. Tja. Schließlich kopiere ich die Beispielbestellung, streiche (nach einem Blick in den Kühlschrank) davon die Hälfte, denke: Stimmt so? – und werfe den Zettel in den dafür bestimmten Postkasten neben dem Eingang zu dem, was bis letzten Freitag noch eine Großküche war, und wo jetzt nur noch gähnende Leere und Ruhe vor dem Sturm herrscht.

Gemeinsam mit der Bestellfrist ist auch das Frühstück vorbei.
Bevor wir abräumen, richten wir den großen Raum noch schnell für die Trimmrunde her – ein langer Doppelbarren wird in die Mitte geschoben, und an beiden Seiten werden Stühle aufgestellt (der Barren ist nur zum Festhalten da, nicht, um daran herumzuturnen). Dann karren wir das schmutzige Geschirr in die Küche und setzen erwartungsvoll die neue professionelle Spülmaschine in Betrieb. Drei Minuten pro Durchgang. Immer nur ein Brett mit schmutzigem Geschirr. Eine Reinigungstablette pro Durchgang. Der schiere Wahnsinn. Aber schnell.
Ich hab’ vorsichtshalber direkt noch eine Packung Tabs bestellt …

Mittendrin steht jemand vom verbliebenen Küchenpersonal – deren Job heute hauptsächlich darin besteht, Leute zu beruhigen und Auskunft zu geben – mit einem Servierwagen vor unserer Miniaturküche, auf dem sich ein Berg von Waren türmt.
Äh … aber steht hier nicht, dass wir die Sachen über die Woche geliefert bekommen?
Offensichtlich nicht. Auch gut. Ist nur die Frage: wohin mit dem ganzen Zeug?
Die Besucher haben sich inzwischen erwartungsvoll neben dem Barren niedergelassen, und warten darauf, dass ich endlich erscheine. Also bitte ich meine Kollegin, die Sachen wegzuzaubern, und mache erst mal meinen anderen Job.

Anschließend ist für alle Kaffeepause, und ich verdrücke mich für eine schnelle Zigarette zwischen die Müllcontainer auf dem Parkplatz: Der letzte Ort, wo wir noch in Frieden vor uns hinstinken dürfen. Stühle verboten. Deshalb stehen da jetzt immer ein paar umgedrehte Eimer.

Die Dreiviertelstunde vor dem Mittagessen geht damit hin, herauszufinden, was in einer Dreiviertelstunde passieren wird. Wir haben ab heute die Oberhoheit über sämtliche verfügbaren Teller, Messer, Gabeln und Löffel. Wie viele brauchen wir – abgesehen von denen für unsere eigene Gruppe?
Nun. Abgesehen von der erquicklichen Information, dass es unsere Aufgabe sein wird, sämtliches Geschirr zu spülen (auch das, was seit Sonntagabend in der Kantine steht), passiert erst einmal nichts. Das Mittagessen – es wird im einen Kilometer entfernten Altenheim Nr. 2 zubereitet, wohin die Küchenbelegschaft umgezogen ist – verzögert sich.

Während wir warten, taucht die Frage auf, wohin eigentlich X verschwunden ist, und Y muss zum vierten Mal aufs Klo …

Als die Styroporkisten mit dem Essen endlich ankommen, entsteht der totale Tumult. Die Küchenfee, die für uns die Teller füllen soll, damit wir sie nur noch servieren müssen, wird von PflegerInnen umlagert, die das Essen für die Bewohner abholen wollen, die bei sich zu Hause essen. Deckel werden gelüftet, Kisten umgestapelt, es wird gesucht und gekramt.
Schließlich bekommen wir unseren Servierwagen zurück, mit vier großen Kisten darauf. Es gibt Kartoffeln, Gemüse und Fischgratin in großen Alubehältern. Sieht lecker aus. Und Soße. Vier große Plastikpackungen voll. Ok. Wir haben lange genug gewartet. Wo sind die Auffülllöffel?
Ich lege los, will mit meinem Teller schon zum Tisch, da ruft jemand: „Halt!“
Wie jetzt? Wieso?
Ist das Soße oder Suppe?
Äh … keine Ahnung. Die Küchenfee probiert, sagt „hm … könnte Porreesuppe sein … oder vielleicht …“
Wie beschließen, dass es Soße ist.
Es beschwert sich keiner.
Die Bauarbeiter in der leeren Küche fangen an zu bohren.
X wird zurückgebracht. Jemand hatte ihn in seine kleine Wohnung begleitet, weil er auf die Toilette wollte, ihn wie immer dort alleine gelassen, und dann fand er sich plötzlich in den Zimmern nicht mehr zurecht, und wie das mit dem aufs Klo gehen funktioniert, war ihm kurzfristig auch abhandengekommen.
Jetzt geht’s wieder, und er setzt sich zum Essen hin.
Niemand redet. Was auch kein Wunder ist, wenn ständig jemand in der Küche die Fliesen malträtiert.

Nachdem wir fertig sind, die große Frage: und was jetzt? Wer macht was? Wir sind nur drei.
Einer muss in die Küche, einer die Leute im Auge behalten, X muss unbedingt wieder begleitet werden, damit er sich nicht verläuft, Z braucht jemanden, der ihn im Rollstuhl nach Hause schiebt, bei P kann man sich nicht darauf verlassen, dass sie sich ruhig hinsetzt, und auf den Bus wartet, jemand muss also auch mit am Eingang sitzen, bis der Fahrer auftaucht … Außerdem muss noch der Tagesbericht geschrieben werden. Was der Job für diejenige wäre, die gerade in der Küche herumturnt.
Glücklicherweise macht gerade in diesem Moment das Netzwerk schlapp: Es ist erst mal nichts mit Schreiben.

Als alle abgereist sind, ist auch der Computer wieder online.

Ich werde gebeten, noch schnell eine Runde an einem zukünftigen Topflappen zu stricken, und die zweite Farbe aufzulegen, damit jemand anderes zu Hause daran weiterarbeiten kann, und hab’ das Strickzeug schon in der Hand, schaue auf die Uhr … „Tut mir leid, aber das müssen wir am Mittwoch machen.“
Ich übernehme den restlichen Abwasch (noch mal drei Tabs), und überrede die Küchenfee, sich auch weiterhin um die Essensreste zu kümmern, damit wir nicht fünf Minuten vor Feierabend noch einmal quer durchs Haus laufen müssen (sie arbeitet eine halbe Stunde länger als wir).

Irgendwann sind wir tatsächlich fertig. Die Küche schwimmt.
Keine Ahnung, wie viele Tabs wir verbraucht haben. Acht? Zehn? Zwölf?
Herr im Himmel!
Nächstes Mal geht’s sicher ruhiger ab.
Obwohl … am Mittwoch ist „Olsok“, ein Gedenktag zum Tod König Olafs des Heiligen, der am 29. Juli 1030 in der Schlacht bei Stiklestad getötet wurde. Will sagen: ein Anlass für ausgiebiges Kaffeetrinken und Unterhaltung.
Es gibt „Rømmegrøt“ (eine Art Brei aus saurer Sahne), eine Zaubervorstellung, wir werden singen (befürchte ich jedenfalls), und es kommen etwa 30 Leute …
Hilfe!
Sieht schlecht aus für den Topflappen …

4 Gedanken zu „Kleine Apokalypse am Vormittag

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