Mal wieder auf der Jagd

Der Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes: Es regnet in Strömen, die Bäume schütteln ihre jungen Blätter im kühlen Wind. Es ist schon Ende Mai, aber die Natur ist noch immer frühlingshaft blank und unverbraucht. Jedenfalls war sie es gestern, als Fliederblüten und weiße Häuser in der Sonne leuchteten und goldener Löwenzahn die Straße säumte.
Heute hängt der Himmel tief und die Farben tragen Grau.
Ich schreibe beim ersten Kaffee meine obligatorischen Zeilen mit der Hand und ignoriere die verstreichende Zeit. Nach der Hälfte der zweiten Tasse stehe ich auf, um mich anzuziehen und gehe noch einmal ins Bad.
„Ich nehme die Tüten mit“, ruft mein Mann durch die geschlossene Tür.
Ich rufe zurück, dass ich gleich soweit bin, und greife nach dem Haarspray. Mithilfe von Wachs und Spray wird mein Haar für einen kosmischen Wimpernschlag so wirken, als wäre es füllig und luftig, bevor es wieder in sich zusammenfällt. Ich sehe mich im Spiegel, bin ganz zufrieden und frage mich, ob mir mein Aussehen irgendwann gleichgültig sein wird, und ob der Grund dafür dann Wein oder Freiheit heißt.
Egal. Wir müssen fahren. Das Schiff geht um zehn, in etwas über einer Stunde.
Im Auto sitzen wir wie in einer Konservenbüchse mit beschlagenen Gucklöchern, aber die Überfahrt ist gar nicht so schlimm. Die Wellen sind – wie uns der Kapitän mit bergenser Dialekt über die Lautsprecheranlage mitteilt – etwa einen Meter hoch, die See ist kabbelig, ab und zu komme ich ein bisschen aus dem Gleichgewicht.
Wie immer bleiben die Leute direkt hinter der Eingangsschranke zum Duty Free Shop stehen, mein Blutdruck steigt und ich frage mich, wie wir eigentlich die glorreiche Zukunft erreichen wollen, die uns als Menschheit so vorschwebt, wenn wir uns schon beim Einkaufen ständig gegenseitig im Weg stehen. Jeder hier befindet sich auf seiner eigenen Jagd und vergisst alles andere um sich herum.
Bevor wir in Strömstad ankommen, gehe ich noch einmal auf die Toilette. Verborgen in der Ecke am Ende des Gangs stehen drei Frauen. Sie gehen mir knapp bis zur Schulter, sind so breit wie hoch und tragen schwarze Kopftücher zu ihren schwarzen Kleidern. Eine von ihnen balanciert auf einem Bein und wäscht sich im Waschbecken den Fuß. Zeit für`s Gebet? Keine Ahnung. Ich muss grinsen. Später treffen wir noch auf die dazugehörigen Männer mit den korrekten „Al Qaida“-Bärten.
In dem riesigen Konsumtempel in Schweden sind die Einkaufswagen dann zehnmal so groß, Angestellte sortieren mitten in den Gängen frische Waren von Paletten in die Regale, ältere Herrschaften bremsen den Verkehr, die Kassiererin ist von der besonders gemütlichen Sorte, die Bankkarte des Kunden vor uns zickt rum und verzögert die Bezahlprozedur … ich bin auf hundertachtzig und sämtliche Theorien zum Thema Ruhe bewahren sind für die Katz’.
Ich will mich nicht beruhigen. Ich will nach Hause.
Um kurz vor acht am Abend ist der Kühlschrank wieder voll, alles ist im Gefrierfach verstaut, die Küche aufgeräumt. Ich sitze im Sessel, den Laptop auf dem Schoß, nippe an meinem Wein und lese die Neuigkeiten auf Facebook.
Viel war nicht los. Es ist Samstag.
Da kann ich mich genauso gut von dieser Welt verabschieden.
Ich setze mir die Kopfhörer auf, schalte um auf Meeresrauschen und schreibe das, was du gerade gelesen hast.

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