Spaziergang mit Fund


Der Tag war so lang wie alle anderen auch, die Kühe sind gemolken, das Abendbrot gegessen, und irgendwer sollte sich um die Kälber kümmern. Soll heißen: Zur Lübecker Bucht fahren und nachsehen, ob sie noch da sind.
Lust hat keiner, aber da es eine seltene Gelegenheit ist, etwas anderes zu tun, als nach dem Abendgesang der Amsel ins Koma zu fallen, sagen wir ja, leihen uns die kackbraune Kiste des Gemüsegärtners und fahren an Stoppelfeldern und hohen Eichen vorbei bis nach Neustadt, wo wir abbiegen, uns durch enge Gassen zwängen und dort parken, wo die Straße endet.
Vor uns liegt ein Meer aus Gras und Schilf und dahinter das Neustädter Binnenwasser, ein Teil der Ostsee.
Gummistiefel haben wir sowieso schon an, wir öffnen das breite Gittertor und machen uns auf den Weg. Das Gelände ist uneben, üppige Grasnester hocken auf kleinen Hügelchen, in den knietiefen Senken ist es feucht und manchmal blinkt Wasser. Kein gemütlicher Spaziergang. Am Ende der Landzunge liegt die Kälberweide.
Wir stellen uns an den Zaun, die Viecher kommen neugierig angelaufen und nach dem dritten Durchzählen sind wir uns einig, dass alles in Ordnung ist.
Der Himmel ist weit und dramatisch bewölkt.
Wir schlendern über den schmalen Streifen Sand am Wasser entlang und halten zwischen Muscheln und Treibgut nach beachtenswerten Fundstücken Ausschau. Etwas Buntes im Gras entpuppt sich als ein Knäuel blaues Seil und ein Stück Stoff in verblichenem Rot.
Ich schaue mir die Stelle näher an, und begreife überhaupt nicht, was ich da sehe.
Bis es mir dämmert.
Ich greife mit beiden Händen zu und hebe triumphierend die Arme.
„Guck mal!“, rufe ich, völlig überwältigt von meinem sagenhaften Glück. „Noch ein Schädel!“
Mein Mann dreht sich um und sagt erst mal gar nichts.
„Der hat sogar noch den Unterkiefer!“
Äh“, sagt mein Mann und kommt langsam näher. „Menschliche Schädel liegen normalerweise nicht einfach so rum.“
„Wieso?“ Ich sehe mir den Schädel an. „Was meinst du damit?“
„Ich meine, dass wir nicht auf einer archäologischen Ausgrabung sind.“ Er sieht auf die Stelle hinunter, wo ich den Schatz gefunden habe.
Das rote Stoffdings ist tatsächlich ein von der Flut gebleichtes Sweatshirt, daneben ringelt sich ein Ledergürtel mit Harley-Davidson-Schnalle durch die Reste einer Cordhose. Schuhe sind keine mehr da, aber an das Ende des blauen Seils ist ein sehr großer Stein geknotet.
„Wir sollten zur Polizei gehen.“
Schweren Herzens aber überzeugt lege ich den Schädel wieder an die gleiche Stelle zurück.
Wir brechen unseren Spaziergang ab, fahren nach Neustadt rein und fragen uns zur Polizeistation durch. Die Abendsonne vergoldet die Wolken, in der Station erhebt sich ein Beamter von seinem Stuhl, notiert ganz offensichtlich gelangweilt unseren Fund, lässt uns unterschreiben und wünscht uns eine gute Nacht.

Wir wundern uns, fahren nach Hause und melden die Vollständigkeit der Kälber. Ich lese mit schweren Lidern, bis es Nacht geworden ist, knipse das Licht aus und schlafe schon fast, als es im Haus rumort.
Mein Mann springt aus dem Bett und ich stelle mich tot.
Irgendwer ist draußen auf der Treppe. Stimmengewirr. Ich stülpe mir Klamotten über und sehe gerade noch, wie zwei fremde Männer mit dem Bauern im Erdgeschoss um die Ecke verschwinden.
„Die Polizei. Wir sollen ihnen zeigen, wo die Leiche liegt.“
„Was, jetzt?“
Wir ergeben uns notgedrungen, ziehen uns wanderfest an, steigen in die Stiefel, die wir gerade erst ausgezogen haben, und klettern zu den Sheriffs ins Auto. Sie sitzen vorne und Begrüßen uns knapp: Ein Kommissar und sein Assi.
Wir verlassen ohne Verzögerung mit einem schnittigen Wendemanöver den Hofplatz.
Diesmal sind keine Äcker und Eichen zu sehen.
Der Assi schaltet das Licht ein, zückt ein Formular und fragt mehrmals nach, was wir so weit draußen am Binnenwasser zu suchen hatten. Nachdem unsere Gründe ihn überzeugt haben, erklärt der Kommissar, dass unsere Beschreibung auf einen jungen Mann passt, der seit vier Jahren vermisst wird. Wir sind verwirrt. Der Kommissar nickt, drahtig und einsatzbereit.
„Der Beamte an der Schranke ist davon ausgegangen, dass es sich um die Überreste von Soldaten aus dem 2. Weltkrieg handelt. Die werden da nämlich immer noch angespült.“

Wir sausen mit hundertfünfzig über die Bundesstraße und sind in Rekordzeit wieder im Niemandsland. Alle Männer zücken ihre Taschenlampen (ich hab’ natürlich keine dabei), und wir tasten uns im Schein von drei Lichtkegeln vorwärts. Weder der Kommissar noch der Assi wirken sonderlich entzückt, als ihnen klar wird, dass wir bis ans andere Ende der buckligen Wiese gehen müssen. Nach der Hälfte des Weges fängt der Assi im Finstern an zu fluchen, weil ihm das Wasser in die Schuhe läuft. Besonders warm ist es auch nicht.

Bei der Fundstelle angekommen, nickt der Kommissar auf das Skelett hinab und fragt, ob wir etwas angefasst oder verändert haben. Ich bin ehrlich – schließlich steht man nicht jede Nacht vor einer echten Leiche – und er nimmt meine Sammelleidenschaft mit hochgezogenen Brauen zur Kenntnis.
Es fängt an zu nieseln.
Nach einer Viertelstunde wird beschlossen, am nächsten Morgen weiterzumachen, wir wandern zur Straße zurück und machen einen Abstecher zur Polizeistation, wo wir unsere Finger auf ein Stempelkissen und anschließend aufs Papier drücken, bevor man uns wieder zu Hause abliefert.
Inzwischen ist es Mitternacht, ich muss in viereinhalb Stunden aufstehen und es dauert lange, bis ich einschlafen kann.
Der nächste Tag fühlt sich so an, als würde ich durch Watte taumeln.
Nach dem Abendessen sitze ich wie tot auf der Bettkante. Ich schaffe es, die Hose auszuziehen, da klopft der Bauer an die Tür und bittet uns, ins Haupthaus zu kommen: Die Eltern des jungen Mannes möchten uns treffen.
Ich werde bockig wie eine Ziege, mein Mann wird sauer, zieht sich die Schuhe an und geht.
Schlafen kann ich jetzt natürlich nicht mehr, ich döse unruhig vor mich hin, bis er eine Stunde später zurückkommt.
Das Ehepaar wollte von dem behinderten Sohn erzählen, der einfach verschwand – und sich bei uns für das Ende der jahrelangen Ungewissheit bedanken.
Ob er sich wirklich einen Stein um den Hals gebunden und auf die Flut gewartet hat, habe ich nie erfahren.
Ist auch nicht so wichtig.
Aber ich bereue es immer noch, dass ich damals im Bett geblieben bin.

Spaziergang mit Fund

4 Gedanken zu „Spaziergang mit Fund

    • In gewisser Weise ja. Aber José hat sich noch jahrelang darüber amüsiert, wie meine Archälologiebegeisterung überhand nahm … Ich hab wirklich eine Weile gebraucht, um zu kapieren, dass ich den Schädel nicht einfach mit nachhause nehmen und neben meinen anderen stellen kann (Nr. 1 ist von einer Ausgrabung und etwa 350 Jahre alt 🙂 ).

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