David Mitchell: Der Wolkenatlas


Nein, das Buch ist nicht neu.
Herausgekommen 2006 bei Rowohlt, und durch den Film von 2012, ist die Geschichte vermutlich inzwischen hinreichend bekannt. Zumindest dem Namen nach. Denn wollte ich wiedergeben, was da eigentlich genau passiert, ich hätte meine Probleme damit, weil das Geschehen so unglaublich komplex und verwoben ist.

Glücklicherweise muss ich das aber nicht, denn nichts finde ich weniger interessant, als wenn mir jemand den Inhalt von Büchern zusammenfasst (obwohl wir das in der Schule irgendwann mal als wichtig gelernt haben).

Nun, also.

Die Geschichte beginnt irgendwo zwischen der „Schatzinsel“ und „Master and Commander“. Taue knarzen, Flüche werden gebrüllt – zumindest lesen wir das aus dem Tagebuch des Schreibers heraus, der sich auf einer Seereise befindet.
Schon mit den ersten Sätzen wird klar, dass dies kein gewöhnliches Buch ist, denn es ist die Sprache, die einem verrät, wo man sich in der Zeit befindet, als man noch „Urtheil“ schrieb, „Pacific“ und „Civilisation“.

Was dann nach dem ersten Abschnitt folgt, ist eine Achterbahnfahrt durch Zeit und Raum, mit wechselnden Figuren und Schicksalen, die auf eine Weise miteinander verknüpft sind, dass man als Leser in Entzückensschreie ausbrechen möchte.

Dabei steht immer wieder auch die Sprache im Vordergrund, und ich darf ohne Scham gestehen, dass ich Mitchell um seinen Einfallsreichtum beneide. Wie er mit wenigen Schlüsselausdrücken ein Zukunftsszenario gestaltet, in dem versklavte Klone um die Selbstbestimmung ringen, ist schwer beeindruckend.

Absoluter Höhepunkt diesbezüglich aber ist der Mittelteil, sozusagen die Nabe, um die sich alles dreht und in sich selbst zurückfließt.
In mündlicher Rede erzählt uns ein alter Mann von seinem Schicksal, das nicht nur auf atemberaubende Weise in Vergangenheit und Zukunft weist, sondern alleine durch den auf höchst originelle und folgerichtige Weise degenerierten Wortschatz in die Welt der Postapokalypse entführt.

Wenn man am Ende der Geschichte angekommen ist, die Schicksale sich geklärt haben und der Reisende seine letzten Worte gesprochen hat, sitzt man da, mit dem Buch in der Hand, und möchte es nicht mehr loslassen.

Hier wird das ganz große Panorama aufgeklappt, ganz gleich, welches der in den verschiedenen Abschnitten wiederkehrenden Motive einem am Wichtigsten vorkommt.

Wer (wie ich) geglaubt hat, im Jahre 2015 wären von der ersten bis zur letzten Seite fesselnde Abenteuer nur noch in parallelen Fantasieuniversen möglich, der wird mit dem „Wolkenatlas“ eines besseren belehrt.

P.S.
Ich habe den Film nicht gesehen, und ich glaube, das möchte ich auch gar nicht. Lieber lese ich das Buch noch ein oder zwei Mal.

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s