Åsne Seierstad: One of Us


Ein persönlicher Blick auf „En av oss“, ein Buch über den Anschlag in Oslo und das Massaker auf Utøya im Juli 2011, das im März 2015 auf Englisch erschien.

In Norwegen gibt es einmal im Jahr den sogenannten „Mammut“-Verkauf von Büchern des Vorjahres zu ermäßigtem Preis, und als ich das letzte Exemplar von „En av oss“ auf dem Tisch liegen sehe, zögerte ich keine Sekunde: Diese Geschichte will ich lesen.
Warum?
Weil ich mich für den Rest meines Lebens genau daran erinnern werde, was ich am Tag des Massenmordes auf Utøya getan habe (so, wie ich immer wissen werde, wo ich am 11. September 2001 gewesen bin).

In den Tagen danach lag eine seltsame Atmosphäre in der Luft. Alle waren noch freundlicher zueinander, als wolle jeder jedem Halt geben. Niemand sprach laut. Jede Geste bekam den Charakter „von Mensch zu Mensch“. Nichts geschah nebenbei.
Die getöteten Kinder stammen aus dem ganzen Land.
Auch aus der Gegend, in der ich lebe.

Breivik, das Monster – Breivik, der Mensch – ist mir ein Rätsel, das mir keine Ruhe lässt.
Von der Journalistin Seierstad erhoffe ich mir einen Bericht, der ein Gegengewicht zu den unzähligen Spekulationen bildet, die durch die Medien geistern.

Wer ist dieser Mann, der monatelang Chemikalien kocht, um eine Bombe zu bauen?
Der wie ein böser Geist auf einer Insel umgeht, und dort über eine Stunde lang pro Minute einen Menschen tötet?
Was hat ihn dazu gebracht? Ist er verrückt? Oder eiskalt?
Und wieso kam niemand rechtzeitig zu Hilfe, um die Kinder und Jugendlichen auf der Insel zu retten?

Zumindest auf die letzte Frage gibt es eine Antwort: Es ist Sommer.
Die Zeit der Grillabende, der Hüttenferien, der Bergtouren. Niemand ist darauf vorbereitet, was am 22. Juli 2011 passiert. Niemand reagiert angemessen alarmiert. Fehler häufen sich, und erst als das Spezialteam endlich auf der Insel ankommt, und Breivik sich ergeben hat, werden die Maßnahmen professionell – und dank eines Feldarztes mit Afghanistan-Erfahrung können einige Schwerverletzte gerettet werden.

In amerikanischen Filmen mag es zutreffen, dass auf der Stelle Hubschrauber ausschwärmen, Straßensperren errichtet werden und der Verbrecher mittels Wärmesucher auf frischer Tat im Wald ertappt wird – in Norwegen gibt es nur einen einzigen Polizeihubschrauber, und die Hilfe des Piloten, der bereit war, seinen Sommerurlaub zu unterbrechen, wurde abgelehnt.
Stattdessen kreist ein Pressehubschrauber über der Insel, dessen Reporter von weit oben irgendetwas filmt, was sich erst in der Vergrößerung als Massaker entpuppt.

Der Abschnitt über das Attentat, die Morde und das völlige Chaos danach, ist nur in Häppchen erträglich. Ich neige wirklich nicht dazu, in Tränen auszubrechen, wenn ich Bücher lese, aber hier ist es schwierig, gelassen zu bleiben.

Und der Mann?
Versteht man besser, was in ihm vorgegangen ist, nachdem man seinen Lebensweg verfolgt hat?
Nein.
Man hat eine Ahnung, die alles andere als angenehm ist und wenn es um den Prozess geht, werden jedenfalls zwei Dinge klar: Er ist nicht dumm, und er wird das Gefängnis nie wieder verlassen. Die in Norwegen mögliche Höchststrafe von 21 Jahren kann mit jeweils fünf Jahren verlängert werden, und es erscheint mir als sicher, dass es so kommen wird.

Während ich lese, frage ich mich, ob er tot oder lebendig gefährlicher ist.

Auf den letzten Seiten kehrt Seierstad zu den Familien der Kinder zurück, deren kurzes Leben ein Teil des Buches über Breivik ist. Als Leser spürt man, wie unerträglich es sein muss, mit diesem Verlust leben zu müssen.

77 Menschen sind gestorben.
Ihr Mörder klagt über unmenschliche Haftbedingungen.

Das Buch ist grandios montiert, wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen darf, es hält sich an die Fakten, versagt sich jede Spekulation und fängt eindringlich die Ungeheuerlichkeit dessen ein, was geschehen ist.
Es erklärt nichts und ist dadurch umso stärker.

Sämtliche Einkünfte an der norwegischen Ausgabe gehen an die Stiftung „En av oss“, die 2014 von Åsne Seierstad mit ihrem eigenen Kapital gegründet wurde. Sie stützt Projekte im Bereich Erziehung und Kultur, die von den Angehörigen der Opfer ausgewählt werden.

Ich habe ziemlich lange an dem Buch gelesen, weil ich immer mal wieder eine Pause brauchte.
Ich wünschte, es wäre ein Roman.
Mein Fazit?
Wer sich nicht nur für die norwegischen Wälder interessiert, sollte es lesen. Es ist auch ein Bericht über die norwegische Gesellschaft, die sich Problemen gegenübersieht, von denen sie vor dreißig Jahren noch keine Ahnung hatte, dass sie überhaupt existieren.

Und der Mann?

Anders Behring Breivik ist wie eine offene Wunde in der Menschengemeinschaft, die sich nicht mit einer einfachen Theorie heilen lässt, so gerne man das Thema auch mit einem „erledigt“ quer über die erste Seite zu den Akten legen würde.


Rezension: The New York Times
Rezension: The Telegraph

2 Gedanken zu „Åsne Seierstad: One of Us

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