Harrytour (Artist Challenge #3)


Und wieder mal …

Es ist kurz nach zehn, als das Schiff endlich ablegt. Wie haben schon Kaffee getrunken und Wienerbrot gegessen, zwei Tische weiter sitzt eine Gruppe beim ersten Bier. Es kommt uns vor wie eine Ewigkeit, bis der Kahn endlich gewendet hat und Kurs auf Schweden nimmt.

Sandfjord wird schnell kleiner, rechts und links gleiten Industrieanlagen vorbei, dann weicht das felsige Land zu den Seiten weg und wir sind auf dem Oslofjord. Die Luft ist diesig, das Wetter still, erst als wir in den DutyFree Shop gehen, kommt ein wenig Wind auf, gerade genug, dass man ab und zu überraschend aus dem Gleichgewicht gerät.

Vor einigen Jahren wurden an Bord diese kniehohen Plastikwägelchen eingeführt, die man hinter sich herziehen kann. Seitdem scheint die Möglichkeit, einen Einkaufskorb zu tragen – zumindest, solange noch nichts drin ist – aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden zu sein.
Direkt hinter der Eingangsschranke empfängt uns die obligatorische Kakofonie stechender Parfumgerüche, und wie absolut jedes Mal bleiben die meisten Kunden des Shops wie angewurzelt stehen, bestaunen die Regale und blockieren mit ihren Wägelchen den Durchgang. Das setzt sich dann auf die gleiche Weise im ganzen Laden fort.
Da wir das schon kennen, regt es uns zwar nicht mehr auf, aber in Gedanken greife ich mir trotzdem jedes Mal aufs Neue an den Kopf.

Wir brauchen nur Wein, Tabak und eine Dose Cashewnüsse, und da wir wissen, wo wir finden, was wir suchen, wären wir theoretisch in fünf Minuten fertig und durch die Kasse, wenn dort nicht ein Herr stehen würde, der mit der Kassiererin eine langwierige Diskussion zu führen hat: Sie versucht ihm zu erklären, dass er sich aufgrund der Zollbestimmungen zwischen der Palette mit Softdrinks und der großen Flasche Jägermeister entscheiden muss.
Er glaubt ihr nicht, und sie zählt ihm seinen gesamten Einkauf auf und betet die Regeln herunter.
Ob sie denn wirklich sicher wäre, fragt der Mann.
Ja, sagt sie. Ohne die entsprechende Schulung würde sie nicht an der Kasse sitzen.
Aber der Mann im Laden hätte gesagt …
Das, sagt sie, könnte schon sein, aber dann hätte er sich geirrt.

Die Dame bleibt weitere fünf Minuten lang engelsgeduldig, bis der Herr ein Einsehen hat, und sich vom Jägermeister trennt. Dann muss er noch bezahlen, und hinterher noch mal davon anfangen, dass der Herr im Laden aber …
Es reicht mir jetzt, ich schiebe unsere Waren aufs Band und mache mich breit.
Der Herr versteht, dass seine Zeit abgelaufen ist, und verzieht sich mit seinen Tüten.
Alleine für den Tabak bezahlen wir ungefähr 1300 Kronen weniger, als wenn wir ihn in Norwegen kaufen würden.

Später mache ich noch einen Rundgang durch den Klamottenladen, aber die Frühjahrsmode ist langweilig, und das Einzige, was mir gefällt, ist eine kupferfarbene Herrenuhr, die ich weder brauche noch mir leisten kann.

Anschließend gehe ich nach draußen, um mir eine Zigarette zu gönnen. Es ist noch nicht so lange her, dass man in der Cafeteria rauchen durfte. Erst wurde es während der Schulferien verboten, später dann ganz untersagt. Immerhin in das Raucherareal überdacht, und es gibt Wärmelampen. Manche der Reisenden verbringen die ganze Überfahrt hier und stehen nur auf, um sich drinnen an der Bar ein neues Bier zu holen.
Stärkeren Alkohol gibt es erst ab dreizehn Uhr.

Wenn das Wetter schön ist, lehne ich mich auf die Reling und sehe der Schaumspur nach, die das Schiff hinter sich herzieht. Aber heute ist es mir zu kühl. Meine Mama taucht auf, und wir rauchen gemeinsam.

Den Rest der Überfahrt würde ich gerne lesen, aber am Nebentisch sitzt eine Familie mit Oma und Opa und einem äußerst lebhaften Sohn von achtzehn Monaten, der die ganze Umgebung unterhält. Ich vermute, dass es sich um Polen oder Litauer handelt, aber wie sich herausstellt, sind es Amerikaner.
Irgendwann schiebt sich der Lütte mit dem Schnuller voran über die Begrenzungswand zwischen unseren Sitzgruppen. Ich strecke die Hand aus, zupfe an seinem Schnullerring und mache mit den Lippen ein Plopp-Geräusch.
Er kugelt sich vor Lachen, und wir haben ein tolles neues Spiel gefunden.
Mit dem Lesen wird das so natürlich nichts.

Eine halbe Stunde später dann die Durchsage: „Meine Damen und Herren, wir erreichen Strömstad in zwanzig Minuten, das Autodeck wird in zehn Minuten geöffnet …“

Da es einen auch nicht schneller voranbringt, zwanzig Minuten lang eingekeilt darauf zu warten, bis sich der von drei Seiten gespeiste Menschenknubbel auf der Treppe zum Autodeck endlich auflöst, lassen wir uns Zeit, bis man schon zum Hafen rüberspucken kann, bevor wir aufbrechen.
Vor dem Aufzug steht immer noch ein Pulk von Reisenden mit Rollstühlen und Kinderwagen, und Mama beschließt, dass sie lieber die Treppe nimmt.

Auf dem Deck, wo unser Auto steht, ist eine der neuen Bierausgaben, ein Experiment, das in diesem Jahr begonnen wurde: Man bezahlt im Shop und holt sich seine Bierpaletten hier unten ab. Es ist ein Versuch, das Fahrstuhltransportgut zu begrenzen, das bisher zur Hälfte aus mit Bierpaletten beladenen Karren bestand, samt der dazugehörigen Herren.
Wir verstauen unsere Tüten, setzen uns ins Auto und warten.

Nebenan steht eine junge Frau im ärmellosen Top und beruhigt ein etwas missgelauntes Baby. Als es mich entdeckt, werden seine Augen rund und wir winken uns zu.
Heute scheint der Tag der schäkernden Zwerge zu sein.

Irgendwann schrillt Alarm und zeigt damit an, dass unser Deck abgesenkt wird. Wir stehen links außen an der Bordwand und müssen bis zuletzt warten, bevor wir fahren dürfen.
Es macht „boing-boing“, als wir über die Scharniere der Rampe fahren.

Draußen empfängt uns eine blasse Sonne, wir schlängeln uns vom Hafengelände und setzen unsere Reise in Richtung norwegischer Grenze zum Einkaufszentrum Nordby fort.

Die Weidenkätzchen blühen. Frühling liegt in der Luft.
Alles in allem ist die Einkaufstour eigentlich ganz schön.

Kaffeetassen

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